»Kleiner Schwindler, es steht ja in Ihrem Buche, – Sie haben es selbst niedergeschrieben in Ihr Studienheft.«
»Ich konnte nicht entziffern, was dort geschrieben war, habe alles unrichtig eingetragen,« erklärte er mit halbgeschlossenen Augen und den unergründlichen Gesichtszügen, mir gegenübersitzend.
Ich nahm das Heft auf, bevor seine kleine Hand es erreichen konnte. Die Schrift war klar und deutlich, und ich hielt ihm das Blatt lächelnd entgegen.
»Mister Ming Tse, jetzt würde ich wirklich gespannt sein, die Wahrheit zu hören, aber bemühen Sie sich nicht, wenn das vielleicht ein zu großes Opfer ist,« sagte ich ohne irgendwelchen Unwillen zu verraten. Chinesen lieben es, der Wahrheit so viel als möglich aus dem Wege zu gehen, sie haben gegen diese Dame eine unüberwindliche Abneigung, und einem Nationalcharakterzug muß man Rechnung tragen.
Meist gestand Ming Tse sodann auch lachend ein, daß er einfach mit den Indiern, die im Hause wohnten, die kostbare Zeit verschwätzt hatte, was ihn aber trotz aller meiner Vorstellungen nicht veranlassen konnte, größeren Eifer an den Tag zu legen.
»Ich mag nicht studieren,« erklärte er offenherzig.
Seine französische Aussprache hätte jeden Franzosen kopfstehen vor Entsetzen gemacht und sein Deutsch war gleichfalls unter jeder Kritik, dafür besaß er in letzterer Sprache einen Wortreichtum, den ich unter sehr merkwürdigen Umständen entdeckte.
Eines Tages kam ein kleiner Chinese – ein 15jähriges Bürschlein – ihn besuchen, gerade als ich dort war, und da legte Ming Tse einen Eifer an den Tag, der mich besonders amüsierte. Er stellte selbst Fragen an seinen Freund und gab allerlei, meist falsche Aufklärungen, aber ich wollte ihm die Genugtuung, ein wenig protzen zu dürfen, nicht verleiden, da ich hoffte, daß dies ihn mit einem gewissen Ehrgeiz erfüllen werde in Zukunft mehr zu leisten. Auf einmal lehnte er sich gravitätisch zurück, sah herablassend auf seinen Landsmann und teilte ihm mit, daß er nun deutsch mit ihm reden werde, – wovon der andere selbstredend keine blasse Ahnung hatte.
»Wo bist du, mein lieber Esel?« eröffnete er die merkwürdige Unterhaltung und fuhr unbeirrt fort: »Du Schafskopf, Rindvieh,« und so weiter, während der kleine Freund ihn voll Bewunderung anschaute und ihm ein Kompliment nach dem anderen machte. Zusammen wirkte dies so unwiderstehlich, daß ich aus dem Lachen nicht herauskam, aber als der Besucher verschwunden war, fragte ich doch etwas streng:
»Um Gottes willen, Herr Ming Tse, wo haben Sie diese Kenntnisse gesammelt?«