Ruhiger war es im nächsten, dem indischen Viertel, wo die Seeleute der ostindischen Schiffe ihre Seemannsheime hatten und wo man oft Inder in ihren weiten Trachten und den vielfarbigen Turbans sehen konnte, manchmal liefen sie auch nur in ein großes Leinentuch gehüllt über die Straße. Auf den breiten Stufen vor dem Tore saßen oft eine große Anzahl von ihnen, und schön waren sie, trotz ihrer elenden Fetzen, das mußte man zugeben. Männliche Erscheinungen, kräftig und finster, mit nachtschwarzen Augen und langem Barte. So spät waren sie bei dem kalten Wetter nicht draußen. Heute schliefen gewiß alle, aber als ich am deutschen Seemannsheim, einem sehr reinlich aussehenden Hause, vorbeiging, hörte ich Neujahrslieder singen und einige junge Leute standen auf der Steintreppe und riefen sich »Prosit Neujahr!« zu.

Hier kletterte ich auf eine Elektrische, die überfüllt war und auf der ich nur rückwärts hängend mitfahren konnte. Wir passierten Commercial Road mit allen seinen Judengeschäften, Whitechapel mit dem Russenviertel (lauter arme Unglückliche, die hier Zuflucht gefunden haben) und kamen endlich nach Aldgate, wo der große Judenmarkt liegt, der jeden Sonntag ein Bild riesiger Tätigkeit ist. Da hört man fast ausschließlich Israelitisch und kann vieles um einen wahren Spottpreis kaufen, nur muß man schäbig gekleidet und sehr vorsichtig sein. Bald waren wir in besseren Stadtteilen und endlich hielt die Elektrische in Theobalds Road, von wo ich nur zehn Minuten zu gehen hatte, um nach Hause zu kommen.

Als ich Guildford Street betrat, hörte ich das Läuten der Glocken und fragte mich, wie wohl das neue Jahr sein würde. Vor jedem Hause standen Leute mit gefüllten Gläsern in den Händen und grüßten das kommende Jahr. Ich kam mir wieder so verlassen vor, so ganz verlassen, wie schon so oft, seit ich nach London mit seiner unwiderstehlichen Melancholie gekommen war.

Es ist gut, daß wir nicht in die Zukunft blicken können, wie hätten wir sonst die Kraft, das Leben zu ertragen?


Seit sechs Wochen unterrichtete ich nun schon Ming Tse. Er war immer sehr aufmerksam gegen mich, sehr höflich und – sehr faul. Wenn ich ihn fragte, ob er seine Aufgabe gelernt hatte, war die Antwort stets bejahend und der Erfolg ebenso sicher verneinend.

»Warum haben Sie nicht gelernt?«

»Weil Herr Hoang-Zo hier war und mich daran hinderte.«

»Herr Hoang-Zo hat mir eben heute von Cambridge geschrieben, wo er eine Woche zu bleiben gedenkt,« entgegnete ich ruhig.

»Weil ich nicht recht wußte, was ich lernen soll,« sagte er, ohne irgendwie die Fassung zu verlieren.