I.
Lieber Leser! Da die ganze Geschichte mit der ich dich hier zu langweilen beginne, von meinem kleinen Chinesen und – von mir selbst handelt, wirst du wissen wollen, wo ich zu Hause bin, wie ich heiße, vielleicht sogar wie ich aussehe. Ich komme daher deinen Fragen zuvor und gebe die gewünschten Aufklärungen. Meine Heimat liegt irgendwo zwischen der malerischen Küste der ewig blauen Adria und dem Pommerland. Dort nenne ich ein Stück Land von der Größe eines Schnupftuchs, einen Hund, der nach Aussage böswilliger Zungen eine Kreuzung aller kleineren Hunderassen sein soll und dessen Rute dieselben heimtückischen Verleumder der überraschenden Aehnlichkeit halber mit dem geringelten Schweiferl eines Schweines vergleichen, eine blauäugige Angorakatze, eine Schildkröte, drei Kanarienvögel, die ich sämtlich als Männchen kaufte und die sich unbegreiflicherweise bei mir in Weibchen verwandelten, einen Igel, eine alte Henne und eine Anzahl Küchenschabeneinwanderer mein eigen. Mein Name – lieber Leser erschrecke nicht! – ist Katherina Schulze. Mama nennt mich Ina, weil dies ein wenig aristokratisch klingt, meine Schwester Jenny ruft mich Käthe, doch in vertraulichen Momenten immer nur Kater, wogegen ich mich schon oft energisch aufgehalten habe. Umsonst! Jenny behauptet, daß wir zusammenpassen wie der Schuh zum Stiefelknecht. Meine Verwandten bezeichnen mich als den »verlorenen Sohn«, obschon ich taufscheinlich nachgewiesen eine Tochter bin, und dies einzig und allein, weil ich die oben angeführten Reichtümer schnöde verlassen habe, um in der Fremde an Alter und Weisheit zuzunehmen.
Man sagt: »Jung war der Teufel sauber« und jung war ich natürlich auch einmal, und das ist wohl der einzige Anspruch, den ich auf Schönheit machen konnte. Leser, nun weißt du alles! Wie ich bin und wie es mir erging, wirst du erfahren, wenn du dich bemühen willst, mich auf meiner Reise durch das Reich der Vergangenheit zu begleiten.
Dem Kühnen gehört die Welt, das habe ich mir immer vorgehalten. Wer nicht über die engen Grenzen des ihm ursprünglich eingeräumten Horizonts hinauszudringen versucht, wer nie in die Tiefen des Lebens hinabsteigt, und wer nie die Erde verläßt, um im Geiste höhere und reinere Regionen zu durchschweben, der hat zwar auch gelebt, aber doch nur wie eine Seidenraupe in ihrem Kokon. Leben ist die Erforschung des noch Unbekannten. Das kleine Kind, das zum erstenmal auf allen Vieren um den Tisch kriecht, erforscht die Welt ebenso sorgfältig und bereichert sein Wissen verhältnismäßig ebensosehr, wie der große Gelehrte, der seine Forschungsreise um den größeren Tisch, die Erde, macht. Das Erforschen bringt aber auch oft Gefahren mit sich – so ein auf allen Vieren gemütlich hinkriechender Forscher kann auf eine im Teppich verborgene Schere stoßen, kann seine Händchen und Beinchen in allerlei unliebsame Berührung mit Ecken und Kanten bringen, kann seine Weichteile mit Näh- und Stecknadeln spicken, sich die Stirn gegen manch ein unvorhergesehenes Hindernis schlagen, kann plötzlich durch einen herabfallenden Gegenstand unsanft getroffen, kann sonst noch von unzähligen Abenteuern und Leiden heimgesucht werden, und dem Forscher, der gelernt hat sich seiner zwei Beine statt der ursprünglichen vier Körpervorsprünge oder Auswüchse zu bedienen, ergeht es oft auch nicht um ein Haar besser, mit dem einzigen Unterschied, daß bei ihm nicht nur der Körper, sondern auch noch Geist und Charakter in Mitleidenschaft gezogen werden. Das muß nun freilich in den Kauf genommen werden, denn wie gesagt: Wer nichts wagt, gewinnt nichts.
Ich selber bin das menschgewordene Fragezeichen, wenn es sich um neue Dinge handelt, vorausgesetzt, daß diese nicht die Mode betreffen, denn gegen Erörterungen dieser Art habe ich eine unüberwindliche Abneigung. Diesem Triebe meines Wesens, immer neue Sachen kennenlernen zu wollen, verdanke ich die schönsten und auch die bittersten Stunden meines Lebens, denn wurde ich für meine Bemühungen oft reich belohnt, so blieb mir andrerseits Leid häufig nicht erspart.
In den drei Jahren, während denen ich ähnlich unserem Freund Ahasverus von Ort zu Ort gezogen bin, habe ich vieles Schöne in mich aufgenommen, viele Nationen und Rassen kennengelernt und die Verschiedenheiten ihrer Charaktere und Anschauungen mit großem Interesse studiert. Durch das Geschick begünstigt, dem ich durch meine Beharrlichkeit nachhalf, lernte ich Japaner und Indier kennen, von denen ich viele aufrichtig bewunderte, obschon sie oft sehr – aber sehr – verschieden von uns waren.
Da ich auch Neger mit Lippen wie die einladendsten Frankfurter Würstel kannte, dachte ich mir mit Recht, daß ich alles aufbieten müsse, um auch noch Chinesen in den Kreis meiner Bekannten einzureihen, auf daß diese mit ihrer uralten Kultur mir neue Horizonte eröffnen würden.
Für mich ist ein gefaßter Entschluß auch schon Tat. Nicht zehn Minuten später warf ich einen Brief an den Sekretär eines chinesischen Studentenvereins in den roten Schlund eines einladenden Londoner Briefkastens.
Ich hatte den Sekretär ersucht, die Mitglieder des Vereins zu fragen, ob jemand geneigt wäre, eine moderne Sprache in Austausch für Unterricht im Chinesischen zu lernen. Glücklicherweise hatte ich eine gute Auswahl Sprachen auf dem Lager.