Als ich am folgenden Tage, einem Sonnabend, um zwei Uhr vom Amt heimkehrte, lag ein Brief für mich auf dem Hutständer in der Halle. Ich riß ungestüm den Umschlag auf und hatte die Genugtuung, zu lesen, daß ein gewisser, hochbegabter Chinese namens Hoang-Zo sich zum Tausch bereiterklärte, da er italienisch lernen wollte. »Du bist doch ein ganzer Kerl, Katherina Schulze!« sagte ich mir. »Jetzt hast du sogar einen Chinesen – leider wahrscheinlich nur einen unbezopften, was natürlich den Wert verringert, aber immerhin einen waschechten Chinesen erangelt.« Die Adresse des unvergleichlichen Studiosus lag bei.
Allerdings war ein Wermutstropfen in dem Nektar – der Sekretär redete mich mit »Herr« an, und ich fürchtete nun, daß der angehende Gelehrte mir den Laufpaß geben würde, sobald er sich über mein Geschlecht im klaren war. Hoffend, daß der Einfluß des Westens die angeborene und anerzogene Verachtung der Weiber einigermaßen gemildert hatte, teilte ich ihm nebst meinen Freistunden auch die bedauerliche Tatsache mit, daß mich die Sünden in meiner vorigen Inkarnation dazu verdammt hatten, in der gegenwärtigen als Mädel herumzulaufen, und bat ihn gleichzeitig, von dieser traurigen Verwandlung keine weitere Notiz nehmen, sondern mich ganz als Mann betrachten zu wollen.
Die Antwort ließ nicht auf sich warten – er vergab mir großmütig mein Geschlecht und versprach, mich um drei Uhr nachmittags zum Tee abzuholen. In England ist es Brauch und Sitte, daß ein Herr eine Dame zum Tee einlädt, den er mit ihr in irgendeinem der zahlreichen, oft sehr hübschen Teehäuser, wo möglicherweise sogar die Musik spielt, einnimmt. Aber ich hatte damals noch einige verzopfte Ideen aus der Heimat mit, denen zufolge man nie etwas von einem Mann annehmen darf, wenn er nicht weißes Haar oder eine Frau mit mindestens sechs Kindern, womöglich gar beides hat, und ich wußte mit Bestimmtheit, daß Mr. Hoang-Zo kein weißes Haar hatte. – Die Frau mit den sechs Kindern konnte er nun freilich haben, da man in China oft schon mit 15 Jahren heiratet, aber andrerseits konnte ich nicht gut unsre Bekanntschaft mit der heiklen Frage eröffnen:
»Bitte, wie viele Kinder haben Sie schon?«
Zur festgesetzten Stunde klingelte es. Ich öffnete selbst und nicht ohne gehöriges Zähneklappern die Tür, da meine Hausfrau, eine mit Speck und Kindern reich gesegnete Italienerin, immer eine Viertelstunde brauchte, bevor sie aus den unteren Küchenregionen angepustet kam. Vor mir stand ein bartloser junger Mann, etwa einen halben Kopf größer als ich selbst (mich hat der liebe Herrgott sehr kurz zugeschnitten), von blaßgelber Gesichtsfarbe, etwa wie eine im Eintrocknen begriffene Zitrone, die in der Farbennuance zwischen gelb und braun schwankt, mit merkwürdig zwinkernden Augen – eine Folge sehr großer Kurzsichtigkeit –, die mich durch festsitzende Augengläser musternd betrachteten, und über die sich kaum sichtbar schwach gezeichnete Augenbrauen wölbten. Nase hatte er keine, besser gesagt keine vollständige Nase nach europäischen Begriffen, da die beiden geschlitzten Augen nicht durch ein kleines Vorgebirge getrennt, sondern durch eine Tiefebene verbunden waren. Ihm einen Zwicker anzutragen, wäre die bitterste Ironie gewesen. Sein Lächeln dagegen, das zwei Reihen kleiner, schneeweißer Zähne sehen ließ, war äußerst gewinnend, wenn es auch, wie ich später lernte, nur selten aufrichtig gemeint war.
»Mister Hoang-Zo?« sagte ich, indem ich die Tür hinter mir ins Schloß fallen ließ.
Er verbeugte sich leicht und nannte meinen Namen. Seite an Seite schritten wir dahin, und ich kam zu der Ueberzeugung, daß Chinesen nicht so sehr verschieden von anderen Sterblichen waren, besonders wenn sie in europäischer Kleidung waren und keinen Zopf trugen.
In Russell Square fanden wir eine Teestube und saßen bald gemütlich, von Kuchen umgeben, in einer Ecke, während vor uns der Tee aus der braunen Kanne dampfte. Eigentlich war es meine Aufgabe als Dame, den Tee einzuschenken, aber ich war froh, daß er mir diese Arbeit abnahm, und fand es auch ganz in der Ordnung, daß er sich an die chinesische Sitte hielt und sich immer zuerst bediente.
Alle Scheu war unglaublich rasch von mir gewichen. Ich hatte das Empfinden, als wären wir alte Bekannte, und als ich dessen erwähnte, entgegnete er lächelnd, daß wir uns wahrscheinlich in der vorigen Inkarnation schon gekannt hätten, was mich innerlich wundern machte, ob ich vielleicht einst ein Chinese gewesen.
Wir sprachen über die Philosophie des Weisen Konfuzius, über die Lehren des Taoismus, über den großen Denker Chuang-Tse, über die Verschiedenheit in den philosophischen Anschauungen des Ostens und des Westens, über das Für und Wider der Unsterblichkeit der Seele und ähnliche Fragen, die mich außerordentlich interessierten und über die er glänzend sprechen konnte. Sein Englisch war beinahe akzentfrei und seine Konversation verriet umfassendes Wissen nebst scharfer Urteilskraft.