Endlich wurde beschlossen, daß ich jeden Sonntag nachmittag zu ihm kommen würde, wo er von mir italienisch, ich von ihm chinesisch lernen wollte. Darauf reichten wir uns wie uralte Freunde die Hände, ich dankte noch einmal für den Tee und den in Aussicht gestellten Unterricht, und so schieden wir.
II.
| »Wenn du nehmen willst, |
| mußt erst du geben.« |
| Lao Tse. |
II.
Ausgerüstet mit einem gelben Heft – die passendste Farbe für Notizen auf Chinesisch – stand ich am folgenden Sonntag pünktlich wie der Tod beim dritten Glockenschlag außerhalb der kleinen Cottage in Highbury, wo Mr. Hoang-Zo zurzeit wohnte. Auf meinen Druck auf die elektrische Klingel kam niemand, als ich aber den Türklopfer mehreremal unsanft auf die Bronzeplatte fallen ließ, erschien eine weißbeschürzte Fee, die mich eine teppichbelegte, sehr schmale Treppe hinaufgeleitete und mich in ein Zimmer schob, an dessen Tür sie zweimal vergeblich gepocht hatte.
»Mister Hoang-Zo wird gleich kommen,« versicherte sie mir, und damit verschwand sie, wahrscheinlich, um ihn zu suchen. Ich benützte die Gelegenheit und ließ meine Blicke durch den kleinen und oberflächlich möblierten Raum schweifen, der jedenfalls einen Salon vorstellen wollte – beim Wollen blieb es indessen. Was aber auf mich einen so überaus anheimelnden Eindruck machte, das war keineswegs die Aussicht auf einen kleinen Garten mit einigen Obstbäumen ohne Obst, sondern die geradezu beispiellose, künstlerische Unordnung, die mir sofort kundtat, daß Mr. Hoang-Zo eine mir verwandte Seele war, denn was Unordnung anbelangt, so kann ich darin Erstaunliches leisten. Bücher lagen auf und unter dem Tische, auf dem Kaminsims, auf dem Fensterbrett, auf den Gestellen, auf den halbgeöffneten Koffern und Kisten, hinter den Stühlen und auf denselben. Bücher und Papiere sahen neugierig aus den halbgeschlossenen Laden, grüßten freundlich hinter der verstaubten Kohlentrommel hervor und fielen bei der geringsten Erschütterung des Terrains dem Eintretenden einladend zu Füßen. Tonangebend waren vor allem und überall Bücher, aber hie und da wurde die übergroße Weisheit wohltuend durch ein Paar Hosen oder ein Paar Schuhe abgeschwächt.
Als sich meine Augen genugsam an diesem seltenen Bilde geweidet hatten, kam Hoang-Zo, dem es augenscheinlich nicht behagte, daß meine Augen soeben mit Interesse ein Taschentuch betrachteten, das aus unbekannten Gründen zum Tintenwischer erniedrigt worden war.
»Ich weiß nicht, wie lange ich hierbleiben werde,« sagte er schnell, »und daher habe ich auch nicht auspacken wollen.«
Ich konnte ihm nachfühlen – ich selbst packte auch nie aus, sondern fischte im Koffer so lange herum, bis das Unterste nach oben kam und ich das augenblicklich Gewünschte erschnappt hatte.
Sowohl als Lehrer als auch als Schüler war er musterhaft. Er faßte sehr schnell auf, erriet die Bedeutung unbekannter Worte aus dem Zusammenhang, las mit Aufmerksamkeit und lehrte mich mit Geduld und viel Geschick.