Mir erschien plötzlich der Mathematikprofessor ein Ausbund irdischer Verderbtheit, und ich lobte Ming Tse sehr, sich von ihm losgesagt zu haben.
»Außerdem,« fuhr der Chinese fort, »habe ich fast nichts von ihm gelernt – Geschichtsdaten wußte er selber nicht, und er trug immer so undeutlich vor. Anstatt Mathematik erzählte er mir allerlei Geschichten von Mädchen und –«
»Sie haben sehr, sehr recht getan, diesen unverschämten Menschen vor die Tür zu setzen,« rief ich eifrig, und mir schien es, als sei es einfach unverantwortlich, daß ein Europäer einen so unschuldigen Jüngling so verderben wollte. Ob es aber wirklich nur aufrichtige sittliche Entrüstung war, was mich so sprechen ließ und was mir den unbekannten Mathematikprofessor als ein Ungeheuer vorschweben machte?
»Mathematik kann ich selbst weiterstudieren,« erklärte Ming Tse, »und den Geschichts- und Geographieunterricht, den müssen Sie übernehmen,« setzte er hinzu.
»Aber Herr Ming Tse, ich habe keine Zeit, ich –«
»Sie müssen, und wenn Sie nicht wollen, dann reise ich nach China zurück, dann mache ich keine Prüfungen, dann ist alles umsonst – Sie müssen!« wiederholte er gebieterisch, und in seinem Gesichtchen las ich zum erstenmal etwas wie weiche Bitte.
Mein kleiner Chinese! Er war ja trotz seiner maßlosen Faulheit mein Lieblingsschüler, und ich hätte lieber auf den Schlaf verzichtet, als ihm die Bitte abgeschlagen. Daher erklärte ich mich bereit. Glücklicherweise hatte ich zu eigener Unterhaltung und Belehrung bei meiner Ankunft in London viele Bücher über englische Geschichte gelesen und konnte daher sehr zufrieden sein über die Grundlage. Natürlich würde ich mich für jede Stunde besonders vorbereiten und auch einen Plan bezüglich des Geographieunterrichts entwerfen müssen. Aber warum nicht? Es würde eine ausgezeichnete Wiederholung für mich sein, eine Notwendigkeit sogar, kurz, ich fand mich sehr leicht – auffallend leicht – in mein Geschick.
Ming Tse bestimmte zwei Tage zu je zwei Stunden, so daß wir uns nun viermal die Woche sahen. Ich war froh, daß ich der Einsamkeit so leicht entgehen konnte und segnete meine Beharrlichkeit in allerlei Forschungsaufgaben. Mein Schüler machte gleichfalls den Eindruck, zufrieden zu sein – und, was konnte ich mehr wünschen?
Nachdem der junge Mann schon in Paris und London studiert und in China zwölf Jahre lang Weisheit eingepaukt erhalten hatte, mußte er wohl schöne Vorkenntnisse besitzen. Indessen war es doch immerhin der Mühe wert, einige Sprungfragen, allgemeines Wissen betreffend, zu unternehmen.
Gleich bei meinem Kommen bat er mich, ihn nicht über englische Geschichte zu fragen, sondern noch einmal von Jakob I. an den ganzen vorgeschriebenen Lehrstoff vorzutragen. Dies tat ich also, ließ alles Ueberflüssige weg, machte den Vortrag so einfach und so leicht faßlich als möglich und diktierte ihm einige Stellen – ich bestand nämlich darauf, daß er Notizen nahm, damit meine Rede nicht ganz umsonst bleibe.