»Pulver, daß sie einschlafen – zwei Stunden einschlafen – verstehen Sie?« fragte er mich.

Und ob ich verstand! War eine so maßlose Schlechtigkeit in einem so hochentwickelten Menschen möglich!! Konnte die grinsende kleine Figur vor mir die Wahrheit sprechen?

»Man gibt jemand das Pulver doch nicht auf der Gasse und gegen den Willen ein?« sagte ich, diese Anklage gegen meinen bewunderten Philosophen und Professor abwehrend.

»Auch nicht nötig,« lachte Ming Tse. »Man lädt sie einfach zum Tee ein.«

Ich fühlte, daß der Stuhl unter mir nicht Stütze genug war. Wie der Reiter auf dem Bodensee, der starb, als er hörte, welchen Gefahren er entgangen war, so schien es mir, daß ich zum mindesten ohnmächtig werden könnte, wenn ich mir vorstellte, wie ich gedankenlos am Rande des Verderbens herumgetänzelt war. Zum erstenmal in meinem Leben freute ich mich, daß ich nicht so schön wie Jenny, daß ich das Gegenteil von hübsch war.

Ming Tse mochte mein Entsetzen meinen weitaufgesperrten Augen ablesen, denn er beruhigte mich, indem er sagte:

»Herr Hoang-Zo denkt auch sehr gut von Ihnen, er hat mir schon damals von Ihnen erzählt und gesagt, daß er mit Ihnen eine Ausnahme macht, Sie denken nur ans Studium.«

Ob mein Wissen oder meine Häßlichkeit ausschlaggebend war – wahrscheinlich die beiden Dinge vereint –, war ich Mr. Hoang-Zo doch über die Maßen dankbar, besagte »Ausnahme« gemacht zu haben, was immer auch seine Gründe gewesen. Und ich, die ich den Tee mit so viel Vergnügen getrunken hatte! Dieser Gedanke kam peinigend oft zurück und jagte mir jedesmal die Gänsehaut über den Rücken.

»Himmel, wenn ich geahnt hätte, daß man so schlecht sein könnte!« rief ich aus.

Ming Tse krümmte sich vor Vergnügen, ich mußte aber auch das verkörperte Entsetzen ausdrücken.