»Ist mein kleines Mädelchen noch nicht bei der Arbeit?« fragte sie mich, denn sie will, ich soll jeden Tag wenigstens einen halben Strumpf für die Armen stricken.

»Aber Tante, an Festtagen arbeitet man nicht, das steht im Katechismus,« erwiderte ich.

»Müßiggang ist aller Laster Anfang,« entgegnete Tante Emma streng, »aber für heute muß man dich wohl entschuldigen.«

Als Geschenk gab mir das Scheusal ein Nähkörbchen.

Ihr folgte Tante Paula, die mich ermahnte, nicht wieder die heilige Messe zu versäumen. »In den Park gehen, das kann die kleine Madame Eitelkeit,« sagte sie streng, »aber in das Gotteshaus gehen, dazu sind die Beine zu schwach. Hier hast du ein neues Gebetbüchlein, mein Täubchen!«

»Alte, geizige Krähe,« dachte ich mir, »du siehst mich schon nicht so bald in der Kirche. Ich kann daheim auch beten, und Mama tut es auch nicht anders.« (Jenny war nicht ungläubig – nicht an allem zweifelnd und verzweifelnd wie ich selber, aber oberflächlich, vollkommen gleichgültig. Ich beneidete und ich beklagte sie. Wer nicht tief empfindet, leidet, aber genießt auch weniger.)

Ach, Käthe, Du wirst nie erraten, was mir meine Mama gab. Denke Dir, eine Bettgarnitur! Ich bin so ein dummes Mädel, aber kaum war Mama bei der Türe draußen, so hielt ich es nicht länger aus. Ich warf mich auf die neuen Schätze und weinte, weinte Fluten von Tränen, und doch hätte ich keinen richtigen Grund anzuführen gewußt. Ich hatte nur so ein unbestimmtes Gefühl – bitte, Käthe, lach' mich nicht aus! –, daß mir eine Bettgarnitur nur Freude bereitet hätte, wenn sie für zwei gewesen wäre, so ein dummes, dummes Ding ist Deine Schwester. Und ich kenne ja nicht einmal einen passenden »Zweiten«.

Um 11 Uhr kam Tante Hermine, Onkel Paul und meine Basen, die mir Blumen und Tante Stoff zu Hemden gaben. Zu Hemden! Hemden muß mir Mama in jedem Falle kaufen, wenn ich nicht hemdenlos durch die Welt gehen soll, aber eine Tante, die sich 364 Tage jede abfällige Bemerkung und jede verletzende Kritik erlauben kann, hat die moralische Verpflichtung, am dreihundertfünfundsechzigsten Tage ihrer Nichte als Ersatz dafür ein wunderschönes Geschenk zu machen, so eine Art Schmerzensgeld zu zahlen, aber Hemden, das ist die Pein noch erhöhen. Ich hatte so fest auf eine mattblaue Seidenbluse mit zwei Falten auf jeder Seite und – aber ich weiß, daß Dich Kleiderfragen nicht interessieren – gerechnet, und nun diese Enttäuschung.

Berta puffte mich, als ich an ihr vorbeiging.

»Wie ich achtzehn Jahre alt war, hatte ich schon einen Bräutigam,« sagte mir die Natter. Ich hätte ihr gerne geantwortet, daß sie ihn nicht selber und ehrlich erworben habe, sondern daß große Fleischköder in Gestalt unzähliger Bewirtungen ausgeworfen worden waren, und daß ein Mann immer anbeißt, wo es etwas zum Essen gibt; aber Mama warf mir einen warnenden Blick zu, und ich strafte sie einfach mit geringschätzigem Lächeln.