Aber um wieviel schrecklicher ist die Einsamkeit, wenn die Natur geschwunden, wenn hohe, düstere Häuser, ernste Menschen, lärmende Fuhrwerke und häßliche Ankündeschilder uns umgeben? Persönlich bin ich der Ansicht, daß man nirgends auf Erden besser studiert als in London, weil alle Zerstreuungen fehlen und man nur an sein Wissen denkt, und auch, daß niemand die Einsamkeit vollkommen kennengelernt hat, wer nicht einen Winter ganz allein in der Siebenmillionenstadt geweilt hat. Wer diesen Ernst, die ewige Ruhe inmitten des ohrenbetäubenden Lärms, den Nebel und immer bedeckten Himmel ein Jahr lang ausgehalten hat, der kann mit Recht von sich sagen, daß er »den lieben Herrgott kennengelernt« hat, und das in keineswegs erfreulicher Weise.

Die Bauten sind meist aus rotem Ziegelstein, vom Nebel und Regen mit einer schwarzbraunen Kruste überzogen. Auch in Häusern, wo man verhältnismäßig viel für ein möbliertes Zimmer bezahlt, ist die Treppe nach zehn Uhr abends, in anderen auch früher ein schwarzer Schlund, in dem man sich auf gut Glück und oft auf allen Vieren begeben muß, wenn man nicht ein vorzeitiges Ende nehmen will oder es wünscht, einen Teil seiner Knochen gebrochen zu haben. Aber was sind alle diese Uebelstände gegen die Einsamkeit, die einen nicht bigotten Ausländer an einem englischen Sonntage überkommt, wo jeder Engländer wenigstens zweimal des Tages in die Kirche geht und zwei Stunden jedesmal drinnen sitzt.

Wenn man die ganze Woche angestrengt gearbeitet hat, geht man nur ungern am einzigen Ruhetag in ein Museum, wo der Geist wieder angestrengt wird, schlafen kann man doch auch nicht von Samstag abend bis Montag früh, und mit seinen trüben Gedanken als einziger Gesellschaft die alten Kleider verbessern oder Handschuhe waschen, ist, wie nützlich und sogar notwendig dies auch sei, keine Erholung für die Werkeltagsmühe. Im Winter regnet es, und im Sommer, wo man die Parke besuchen kann, sind diese kein Eldorado. Fliegt einem nicht der Ball eines Kindes an den Kopf und saust nicht der Reif eines anderen gegen die Füße, so stolpert man gewiß über ein paar Liebende, die im Grase liegen und über so eine Rücksichtslosigkeit natürlich entrüstet sind. Bleibt das Daheimbleiben in einem zweifelhaft reinen Zimmer, das, selbst wenn es gassenseitig ist, keinerlei Abwechslung bietet, da in den Hauptstraßen nur Aemter in den oberen und Geschäfte in den unteren Stockwerken sind und in den Seitengassen, wo Leute wohnen, nichts zu sehen ist, da nur diejenigen oder doch fast nur diejenigen die Gasse betreten, die eben in ihr wohnen. Dafür hat man andere Besucher von etwas zweifelhaft angenehmer Art. Allerlei Leierkastenmänner kommen angezogen, die um der Feier des Tages willen ausschließlich Hymnen spielen und mit gebrochener Stimme manchmal den Text dazu singen; ferner kommt im Winter der Butterkrapfenmann mit seiner melancholisch klingenden Glocke, der mir fast immer Tränen entlockte. Klingt doch sein »Bim-bim« genau wie das Schellengeläute und mahnte mich der Ton deutlich an die Heimat mit ihrem hohen Schnee, dem warmen Ofen, den zischenden Bratäpfeln und dem blauen Himmel, der auch im Winter so klar sein konnte, sobald es zu schneien aufgehört. Ihm folgen die Bettler, die je nach ihrem Temperament eine schreckliche Mordgeschichte, ihren eigenen Lebensbericht in Versen verfaßt, oder eine Hymne singen, glücklicherweise aber mit solchem Gekrächze, daß man der Worte verlustig geht und sich der Kunstgenuß auf die lieblichen Töne beschränkt. Der Apfel- und Orangenmann bleibt auch nicht aus. Auf seinem zweirädrigen Wagen, besser seiner Schubkarre, fährt er durch alle Gassen, sein »two pence a pound« ausrufend und seine schmutzigen Finger dabei über die Früchte gleiten lassend – wahrscheinlich um den Genuß zu erhöhen. Endlich erscheinen die Zeitungsausträger, die ihr gellendes »Evening News« oder »Sunday Times« mit den betreffenden in den Blättern befindlichen Neuigkeiten ausschreien, als ob sie die Toten zum Leben erwecken wollten oder einen Wettbewerb mit den Posaunen von Jericho eingegangen wären. Gewiß ist wenigstens einer – meist jedoch zwei oder drei Leute – in der Gasse der glückliche Besitzer eines Grammophons, und da es bekanntlich sehr sündhaft wäre, sich am Tage des Herrn weltlichen Vergnügungen hinzugeben, so ein ehrsamer Ladenbesitzer aber andererseits nur am Sonntag Zeit genug hat, sich den musikalischen Genüssen zu widmen, so besänftigt er sein Gewissen und befriedigt gleichzeitig seine Sehnsucht, indem er ausschließlich Hymnen spielen läßt.

Langsam aber sicher wirken diese äußeren Umstände auf den inneren Menschen – den Charakter, das Gemüt – zurück. Das Leben ist nicht länger Leben, sondern ein trauriges Dahinschleichen in erdrückender Atmosphäre. Rom ist die Stätte der Kunst, Paris die der Unterhaltung, des wilden Genießens, London aber die des Studiums, des Handelns und – des Vergessens, denn ein Schleier senkt sich dort wohltuend auf Geist und Körper, man vergißt, vergißt alles, mit der Zeit selbst, daß man noch am Leben ist. Daher sagt man mit vollem Recht, daß alle die Leute, die getäuschte Hoffnungen zu begraben haben, nach England kommen, nicht nur, weil es das Land der Freiheit ist, sondern hauptsächlich weil sein Klima, die Lebensverhältnisse, der große Unterschied in allem zwischen dem Inselreiche und dem Kontinent das Vergessen so sehr erleichtern. Die goldene leuchtende Sonne Roms scheint eine Ironie zu sein, wenn im Innern eine so grauenvolle Finsternis herrscht; die Heiterkeit in Paris erweckt Aerger, Neid, Unwillen in den Herzen derer, die mit den Freuden des Daseins abgeschlossen zu haben meinen, aber der graue Himmel Großbritanniens, die abweisende Haltung der Engländer, die nicht in die Geheimnisse einzudringen trachten, die uns neben sich leben lassen, ohne sich um uns zu kümmern – alles dies erleichtert uns das Vergessen. Alle entthronten Herrscher gehen dorthin ins Exil. Staatsmänner, deren Staatsstreich mißlang, Nihilisten, die dort von Freiheit träumen, Verbannte, die nie zurückkehren dürfen, Politiker, die von ihrer Höhe gestürzt, Liebende, die ihr Glück auf immer begraben haben, sie alle ziehen nach London. Wer mit dem Leben – dem erträumten, dem erhofften Leben – abgeschlossen hat, begibt sich auf die Insel, und dort verwandelt sich der Schmerz, auch der heißeste, der wildeste, in Melancholie. Wer zuviel von ihr abbekommt, versinkt entweder im Schlamm des Lasters oder begeht Selbstmord.

Ich saß in meinen vier Pfählen und hatte eben in der oben aufgezählten Ordnung den Butterkrapfenmann, die Bettler, den Orangenverkäufer, die Zeitungsausschreier und einige Leierkastenspieler vorüberziehen gehört, hatte meine Handschuhe und andere Kleinigkeiten gewaschen, denn der warme Dunst des siedenden Wassers erwärmte gleichzeitig das Zimmer, in dem es Ende März noch immer sehr kalt und unfreundlich war, hatte einige Minuten lang die fallenden Regentropfen beobachtet und vernahm eben, daß zwei Grammophone »losgelassen« worden waren. Ich hatte die größte Lust, mich, wie schon oft, auf das Bett zu werfen und bitterlich zu weinen, aber da ich wußte, daß es nicht dabei blieb und ich mich im Uebermaß der Verzweiflung wieder gegen die kahlen Wände werfen und mir tagelang das Lächeln physisch wehtun würde, bezwang ich mich. Ich zog meine Jacke an, um wenigstens nicht zu frieren, und mich auf das Bett, den einzigen bequemen Platz, setzend, zog ich einen Brief Jennys aus der wurmstichigen Tischlade, den ich am vorhergegangenen Abend bekommen hatte. Wenn doch meine Schwester mir ähnlicher gewesen wäre! Nein, sie war Mamas Ebenbild, ich konnte nicht hoffen, bei ihr Verständnis zu finden. Sie war – dem Himmel sei Dank – wie andere Mädchen!

»Käthelchen!« begann der Brief.

»Ich kann Dir gar nicht sagen, wie sehr mich Dein Brief und besonders das schöne Armband gefreut hat. Weißt Du, eigentlich fürchtete ich schon, daß Du so gelehrt geworden seist, daß Dir nur ein Buch eine passende Gabe für mich erschienen wäre, – mir, die ich es dem Gutenberg nie verzeihen kann, die dumme Buchdruckerkunst erfunden zu haben. Wenn Mönche noch heutzutage Bücher kopieren müßten, brauchte ich weder so viel zu studieren, noch so viel langweilige Klassiker durchzulesen, gerade damit ich »gebildet« bin. Ich gehe viel lieber auf das Eis und fahre Schlittschuhe oder tanze – ach Käthe, wieviel ich heuer im Winter getanzt habe! – oder gehe ins Theater, aber Mama hat mir diesmal nicht so viel hübsche Blusen gekauft, was mich oft ganz unglücklich gemacht hat.

Käthe, denkst Du nie an das Heimkehren? Jetzt läufst Du schon drei Jahre in der Welt herum und Mama sagt immer, daß es kein gutes Licht auf uns werfe. Ich mache mir nichts aus dem ›guten Licht‹, aber ich möchte Dich so gern hier haben, damit ich öfter ausgehen könnte. Du weißt, Mama findet, es schickt sich nicht, daß ein junges Mädchen allein ausgeht, und wenn ich sage, ja, aber die Käthe, so sagen alle: ›Ja die Käthe!!!‹ und Tante Elly fügte hinzu: ›Die hat doch alles nach ihrem Kopfe getan‹.

Glaube nicht, daß ich nie ohne Sehnsucht an Dich denke. Mir sagte die alte Köchin, daß Du jemanden einst sehr, sehr lieb gehabt hast und deshalb fortgezogen bist, und daß Du ihn nie, nie vergessen wirst, obschon er schon lange tot ist. Seit der Zeit lege ich jedesmal Blumen auch auf sein Grab, wenn ich Papas letzte Ruhestätte besuche und flüstere leise: ›Von der Käthe!‹ Bist Du mir böse, weil ich dessen erwähne? –

Wie ich meinen achtzehnten Geburtstag feierte, fragst Du, lieber Kather? Wir hatten das reinste Familienkonklave. Zuerst kam Tante Emma mit der spitzen Nase und dem langen Strickstrumpf.