Als ich nach dem Abmarsch sämtlicher Verwandten durch den Garten lief, um mich moralisch auszulüften und gerade über ein paar Rasenflächen gesprungen war, hörte ich über den Zaun herüber den jungen Doktor mit verstellter Demut fragen:
»Wohin sehen meine Augen die achtzehnjährige Majestät in voller Würde schreiten?«
Ich ärgerte mich wahnsinnig, nicht würdevoller den Garten herabgeschritten zu sein, denn weißt Du, Kather, dieser junge Mann ist der Sohn des Oberstabsarztes, der soeben sein Doktorexamen überstanden hat und nun darauf ausgeht, die Mitmenschen so schnell als möglich in die nächste Welt zu schicken, wie Großmama sagt, was aber nur Verleumdung ist, verstehst Du? Er ist so hübsch und hat einen so zierlichen schwarzen Schnurrbart und so schöne schwarze Augen und ein interessantes blasses Gesicht, daß ich mich ihm gleich anvertrauen würde – wie dumm ich mich ausdrücke –, jetzt wirst Du glauben, seiner Schönheit willen geschieht es. Nein, nein.
Eigentlich behandelt er mich gar nicht als »erwachsen«, er hat mich vor ganz kurzer Zeit noch am Zopfe gezogen und fragt mich auch, sooft er mich sieht, wie viele Speise ich kürzlich bei meinen Kochversuchen verdorben habe, aber ich antworte immer höflich – man muß gegen Nachbarn höflich sein, sagt Mama, und so entgegnete ich auch diesmal ohne scheinbaren Aerger:
»Ich hole einige Blumen für den Mittagstisch.« Ein wenig warf ich trotzdem die Lippen auf. Einer erwachsenen Dame gegenüber – – –
Aber im nächsten Augenblick war jeder Mißmut verschwunden. Er reichte mir einen Strauß der herrlichsten La France über den Zaun und rief fröhlich:
»Gratuliere, Geburtstagskind!«
O Käthe, Männer können doch entzückend sein, wenn sie wollen – aber leider wollen sie nur so selten, so äußerst selten!
Ich habe mir die Rosen aufgehoben, als sie trocken geworden. Man hat nur einmal im Leben einen achtzehnten Geburtstag, gelt, Käthe? Ich wünschte, ich wäre so mutig wie Du und könnte in die weite Welt ziehen. Der Doktor – ich habe Dir gar nicht seinen Namen gesagt, er heißt Emil Wurmbrandt – hat mir neulich gesagt:
»Fräulein, um Ihret und um Ihrer Freunde willen wünschte ich, daß Sie Ihrem Fräulein Schwester ähnlicher wären!« Käthe, wie soll ich das nur anfangen? Willst Du mir helfen?