Jetzt muß ich schließen – wir gehen auf ein Tanzkränzchen, und ich habe ein hinreißend schönes Kleid mit rosa Schleifen auf der rechten – aber das interessiert Dich nicht.
Schicke nur recht oft ein Modeheft!
Deine Schwester Jenny.«
Ich legte den Brief neben mich auf das Bett, dessen Matratze in mir das Empfinden wachrief, als läge ich auf einem Kartoffelsack, denn sie bestand aus Hebungen und Senkungen, mit gelegentlichen Vorgebirgen und Tiefebenen, lehnte mich müde zurück und dachte über die Zeit meines freiwilligen Exils nach. Drei Jahre, seit ich von der Heimat fort war! Der Mann, den ich einst geliebt hatte, war tot – und mehr. – Oft später hatte ich Heiratsanträge von Männern der verschiedensten Nationen gehabt, ohne daß ich mich zu einer Ehe hätte entschließen können. Sie sprachen dieselben Worte, gebrauchten dieselben Beteuerungen, würden dieselben Kosenamen anwenden, die er einst gebraucht, und dies verletzte mich jedesmal im Herzen. Ich hätte es nicht ertragen können, nein, nie! Jennys biegsamer Charakter, ihr flatterhafter Sinn paßten sich den heimischen Verhältnissen viel besser an als der meinige. Sie würde heiraten, weil man ihrer und Mamas Ansicht nach heiraten mußte, weil es »hübsch« war, »gnädige Frau« zu sein, und weil man sich doch nicht um eine Hochzeitsreise beschwindeln lassen durfte, nicht weil sie den Mann, den sie erwählte, besser als alles auf Erden liebte. Sentimental war Jenny nicht, sie genoß das Leben, ohne sich über das Warum und Woher den Kopf zu zerbrechen.
Drei Jahre! Mir schienen es zwanzig Jahre, so reich an Erfahrungen war die Zeit gewesen. Dem Glücklichen schlägt keine Stunde, sagt man, um so besser vernimmt der Unglückliche nicht nur den Stunden- sondern den Sekundenschlag. Dem Frohen dünkt das Jahr eine angenehme Folge von Frühling, Sommer, Herbst und Winter, der Traurige teilt das Jahr in 365 Tage ein, von denen jeder Tag 24 Stunden hat, von denen er gewiß 16 Stunden sich seiner Lage voll bewußt ist und die 60 Minuten jeder einzelnen Stunde auf bleiernen Schwingen vorüberziehen fühlt.
Ich setzte meinen Hut auf und zog den Mantel fester um mich. Ich wollte durch die triefenden Gassen wandern, um meine Glieder in eine andere Stellung zu bringen. Der frühe Abend war angebrochen, die Gaslaternen warfen ihren Schein über das nasse Pflaster, und ich dachte, als ich langsam in dieser Einsamkeit dahinstolperte, darüber nach, wie man die gegenwärtige Lage verbessern könnte. Heimkehren wollte ich nicht, ich brauchte bloß an alle Vorwürfe bezüglich meiner »Verschiedenheit« von den anderen Mädchen zu denken, um diese Idee zu verwerfen, weiterleben so konnte und wollte ich noch weniger. Da reifte langsam der Entschluß, den ich bis jetzt verworfen hatte: Ich wollte sterben. Aber wie? Ich ging der Reihe nach alle Gifte und ihre Wirkungen durch und wünschte, ich wäre Chemiker. Aus den Bars drang Musik, aus einigen Häusern ertönte Lachen. An den Mauern entlang huschten Schatten – Unglückliche, die kein Heim, kein Obdach hatten. – Ich betrat Tottenham Court Road mit seinen glänzenden Ankündeschildern, hellerleuchteten Cafés und vielen Straßenlaternen. Gleichgültig gegen alles schritt ich dahin und blieb unwillkürlich, eher geistig als körperlich müde, vor einem Bilderladen stehen, als ich mir plötzlich bewußt wurde, daß jemand an meiner Seite stand und ein Gespräch anknüpfen wollte. So etwas war mir früher hundertmal passiert und hatte mir immer schnell über die belebteste Straße geholfen, heute jedoch war ich so müde, daß ich mich nur langsam weiterschleppte. Der Schatten an meiner Seite blieb, und ich hütete mich, in seine Richtung zu schauen. Ich glitt vom Bürgersteig herab und ging auf die andere Seite der Straße, worauf ich in eine Seitengasse einbog, die mich nach Guildford Street zurückführen sollte.
Auf einmal sagte jemand dicht neben mir:
»Gu Habend!«
An meiner Seite stand der »Schatten« von früher. Ein koketter Schnurrbart und große dunkle Augen waren das Auffallendste an ihm. In den Augen vieler Mädchen hätte er gewiß als schön oder wenigstens hübsch gegolten, mich stieß der siegesgewisse Ausdruck in seinem Gesicht ab. Nachdem ich ihn von oben bis unten schweigend betrachtet hatte, ging ich weiter. Er folgte unverdrossen, was man sonst in London nie tut, wenn keine Ermutigung erfolgt. Was sollte ich tun? Der Kerl sah wie ein Italiener aus, ich bat ihn daher in dieser Sprache, mich in Ruhe zu lassen.
»Ick bin Kritsch,« sagte er.