Wenn nun so ein armes Mädchen, das vielleicht nicht genug Geld hat, um für sein elendes Zimmer zu zahlen, an meiner Stelle gewesen wäre? Wenn man so jemand das Goldstück angeboten hätte in einer kalten, trostlosen Nacht? – Wie leicht wird es den reichen Mädchen, die immer begleitet, immer beschützt herumgehen, die nie etwas entbehren, gut zu bleiben, und mit welcher herzlosen Verachtung und mit welchem Dünkel sehen sie auf ihre unglücklichen Schwestern herab, die eine ganze Kette ungünstiger Zufälle nach schwerem Kampfe aus reiner Ermüdung zu Fall gebracht. Diese reichen Mädchen sollten bedenken, daß sie nur gut sind, weil sie keine Möglichkeit haben, etwas anderes zu sein. Urteilen können sie erst, wenn sie selbst im Kampfe gestanden und gesiegt haben, – verurteilen nie. –

Ich schritt nachdenklich heimwärts. In den belebteren Gassen strömten die Gläubigen aus allen Kirchen und sonstigen Gebäuden, wo religiöse Uebungen abgehalten wurden, heraus, übermäßig elegant gekleidete Frauen schritten mit gemalten Gesichtern und frechem Ausdruck um den Mund auf und ab, im Rinnsal spielten einstige Künstler, die in der Welt herabgekommen waren, Violine, und Sängerinnen, deren Stimme versagt hatte, sangen Opernarien, vom Lärm der auf und nieder flutenden Fuhrwerke übertönt. Vergrämt aussehende Italienerinnen mit schwarzem Tuche malerisch um das noch immer anziehende Gesicht geschlungen, standen in den Pfützen und drehten die Drehorgel, auf der mit großen Buchstaben ihre Leidensgeschichte geschrieben war, Blumenmädchen boten schüchtern die Parmaveilchensträuße an, und zwischen ihnen hindurch, an ihnen vorüber schritt ich ernst und dachte darüber nach, wie ich wohl am besten sterben könnte. Tränen des Himmels – die kühlenden Regentropfen – benetzten mein blasses Gesicht, und der Wind fuhr wie leise liebkosend darüber hin. Und so erreichte ich mein Heim – besser das Loch, wo ich das erkaufte Recht hatte, mich niederzuwerfen – wieder.

Kein Licht – trotz allen Gebets kein Licht – zeigte sich am fernen Horizont. Und die Tage kamen und schwanden.

VIII.

Voghiam, voghiamo, o disperate scorte,
Al nubiloso porto de l'obblio,
A la scogliera bianca de la morte –
Carducci.

VIII.

Der Frühling mit seinen scharfen Ostwinden war vorüber, der Sommer war jäh ins Land gezogen. Nicht länger legte sich der Nebel über die Siebenmillionenstadt, aber der bekannte Großstadtdunst hatte zur Folge, daß man den Himmel trotzdem nie klar zu sehen bekam, so daß ich mich oft fragte, ob bei uns daheim der Himmel wirklich so blau gewesen, wie meine Phantasie ihn mir nun vorspiegelte.

Ich hatte heimgeschrieben und Mama gebeten, mir Jenny auf einige Wochen zu überlassen. Ich verdiente genug, um mir diesen Luxus leisten zu dürfen, und ich verging vor Sehnsucht nach irgendeinem Wesen, mit dem ich hätte sprechen können. Jenny verstand mich nicht, aber es war doch meine Schwester, zu der ich sprach, um die ich sorgen durfte. Wie gefürchtet, gab Mama nicht ihre Zustimmung. Die Tanten hatten ihr so lange abgeredet, da es Jenny so selbständig machen würde, und ein Mädchen müsse vorsichtig sein, wenn es eine gute Partie machen wolle usw. – So war meine letzte Hoffnung geschwunden. Mein alter Freund und Kollege war erkrankt, viele Bekannten hatten London verlassen, die Verhältnisse im Amt waren bedeutend unangenehmer geworden, eine kleine Französin, der ich lange geholfen hatte, und für die ich monatelang allerlei Opfer brachte, zeigte sich als Feindin und als vollständig undankbar – ich war des ewigen Einerleis satt, ich glaubte an nichts mehr, da Rettung von keiner Seite kam, ich konnte das innere Gleichgewicht nicht finden, und was ich vor wenigen Wochen noch als Möglichkeit betrachtet hatte, war nun zum Entschluß geworden. Gifte waren schwer erhältlich, ich wollte daher ein langsames Mittel anwenden, von dessen Unfehlbarkeit ich oft gehört hatte. Ich kaufte Weinessig und trank ein Glas davon jeden Morgen. Oh, die Qualen, die ich ausstand! Der Ekel, der mich jedesmal überkam, wenn ich das Glas an meine Lippen führen sollte, die entsetzlichen Schmerzen, die dem Genusse des Getränks folgten! Manchmal taumelte ich vor Schmerzen und Unwohlsein gegen eine Straßenecke, oft saß ich Stunden nachher fast regungslos auf meinem Stuhl im Amte, die Arbeit nur mechanisch ausführend, während große Schweißperlen auf meiner Stirn standen. An manchem Tag erbrach ich, was ich getrunken, und der Brechreiz und Ekel waren oft so heftig, daß ich nahe daran war, das Glas auf den Boden zu schleudern und aufzuhören, aber da sah ich mich in meiner Bude um, dachte, daß ich eine lieb- und freudenlose Existenz möglicherweise noch sechzig Jahre würde ertragen müssen, und wie sauer der Essig, wie furchtbar der Widerwille auch war, ich setzte an und trank aus. Es war schwer, oh, so schwer zu sterben, aber es war noch grauenvoller zu leben, vielleicht gar lange leben zu müssen. Nur das nicht! Und ich trank – ich trank – und wieder kamen die Tage und schwanden. –

In dem Dunkel, das mich umgab, war der einzige Lichtpunkt der kleine Chinese. Seit über sechs Monaten war er nun mein Schüler, und jede Stunde brachte uns näher zueinander. Er hatte Tee aus China erhalten und machte nun jedesmal Tee, sooft ich ihm eine Stunde gab. Er hatte einen kleinen Schnellsieder, einen Teetopf und zwei hübsche Tassen und war so geschickt bei der Teefabrikation wie das allerhausmütterlichst erzogene deutsche Mädchen. Er hielt mir immer das Wasser und die Kanne hin, damit ich mich überzeugen konnte, daß kein »Pulver« verwendet wurde, obschon ich ihm oft sagte, daß ich keinerlei Zweifel hegte.

Er hatte der großen Hitze wegen – die ich zwar, sei es Schwäche oder Unempfindlichkeit, nicht fühlte – einen kleinen Fächer und fächelte sich unaufhörlich; auch klagte er wieder, daß man hier so »dumm« gekleidet gehe. Sein Heimweh war größer denn je.