Sooft er neue Kleider erhielt, zog er immer die Schachtel sorgsam auf das Sofa und zeigte mir alles – rühmte den Schnitt der Beinkleider, die Weichheit des Stoffes, die Farbe der Weste usw. und führte auch seine schönen chinesischen Seidenhemden vor, die mir wirklich gefielen. Sie waren so dicht, so weiß und so weich. Sonst mußte ich über seine Eitelkeit lachen. Er kaufte wenigstens vier Krawatten wöchentlich und war auch in anderen Luxusartikeln geradezu verschwenderisch. Er war sehr eitel und fand an Kleidern denselben Gefallen, hatte für die Mode dasselbe Interesse wie Jenny daheim, stäubte seinen Salon täglich noch einmal selbst ab, ordnete und kaufte Blumen und hatte sehr viel Sinn, ein Zimmer behaglich zu machen. Er drückte allem, mit dem er in Berührung kam, seinen Stempel auf, während ich immer, selbst daheim in meinem eigenen Zimmer, ein Gast, stets ein Fremdling blieb. Mein einziger Stempel, wenn ich überhaupt einen aufdrückte, war – ich muß es mit Schande gestehen – die Unordnung.

Es geschah oft, daß Ming Tse nach der Stunde ein kleines Sträußchen aus der Vase zog und es mir mit der Bemerkung gab, ich müsse etwas im Knopfloch tragen. Als Schüler war er faul – maßlos faul –, aber er brachte mich mit seinen Grimassen, seinen treffenden Kritiken, seinen komischen Stellungen und der Eigenartigkeit seines Wesens trotz meines Trübsinns noch immer zum Lachen – kurz, von allen Freunden und Bekannten war er der einzige, der mir geblieben, daher sagte ich mir oft – oft sogar mit innerem Zittern – »noch eine schwache Säule zeugt von entschwund'ner Pracht –«

Der Kleine tyrannisierte mich indessen, als ob er Professor und ich der Schüler wäre. Ich mußte tun, was er nun einmal wünschte – und ich tat es. Eines Tages sagte er mir:

»Herr Hian-Sho-Dschin, dem ich von Ihnen erzählt habe, möchte gern von Ihnen Stunden nehmen. Sie werden gehen, nicht wahr?« fragte er mich in dem Tone und mit dem Gesichtsausdrucke, der sagen wollte: »Du mußt!« und daher erklärte ich mich bereit. Ob ich mich zu Tode arbeitete oder sonstwie ins Grab sank, war ja einerlei, wenn ich nur diese Erde los wurde.

Am folgenden Tage erwartete er mich bei der Haltestelle der Elektrischen, um mich zu seinem Freunde zu führen. Wir wanderten Seite an Seite den kleinen Hügel hinauf, der zu der Wohnung Hian-Sho-Dschins führte, und anstatt wie sonst weit von mir entfernt dahinzugehen, kam er diesmal näher und legte sogar einige Sekunden lang seine kleine Hand auf meine Schulter. Ich war so verwundert, daß es mir nie eingefallen wäre, die Hand abzuschütteln. Im Gegenteil, ich ging vorsichtig weiter und tat nichts dergleichen. Er mußte jedenfalls von seinem Lehrer eine gute Meinung haben, so erklärte ich mir diese neue Vertraulichkeit.

Als wir ankamen, war der junge Seekadett Hian-Sho-Dschin noch nicht daheim. Ming Tse führte mich daher in seinen Salon und tat, als ob das ganze Haus sein eigen wäre. Ich setzte mich in einen Lehnstuhl ans Fenster, Ming Tse dagegen ging überall herum, untersuchte alle Bücher, alle herumliegenden oder -stehenden Gegenstände und zog, als er damit fertig war, zu meiner überaus großen Verwunderung einen Schlüsselbund aus der Tasche, mit welchem er sofort daran ging, zu versuchen, alle Schlösser aufzubrechen. Einige gaben nach, und Ming Tse untersuchte sorgfältig den Inhalt der verschiedenen Laden und Kasten.

»Aber Herr Ming Tse!« rief ich entsetzt, »was wird Ihr Freund sagen?«

»Gar nichts; ich bin ja sein Freund,« meinte er lakonisch.

»Das ist bei – Chinesen – so Sitte,« dachte ich mir und wußte nicht, ob ich lachen oder mich ärgern sollte.

Inzwischen hatte Ming Tse mit Hilfe seiner Schlüssel alles geöffnet und durchgesehen, was noch geöffnet werden konnte, mit Ausnahme einer Lade, die allen Anstrengungen widerstand. Mein kleiner Chinese ließ sich nicht einschüchtern. Ruhig zog er sein Taschenmesser heraus und begann das Schloß zu erbrechen.