»Das geht wirklich nicht,« protestierte ich. »Was wird Ihr Freund von mir denken?«
»Oh,« entgegnete er lachend. »Sie brauchen es ja nicht mir nachzumachen.«
Inzwischen war das Schloß erbrochen, und Ming Tse las die Briefe, die in der Lade waren, alle mit der größten Seelenruhe durch, kein Protest meinerseits konnte ihn davon abhalten.
»Ich muß wissen, wieviel Mädchen er hat,« gab er als Entschuldigung für seine Handlungsweise an.
»Lieber Herr Ming Tse,« warf ich lachend ein, »kümmern Sie sich, bitte, mehr um den armen Jakob I., von dem Sie nach fünf Monaten noch ebensowenig wissen wie vor diesem Zeitraum, und lassen Sie Herrn Hian-Sho-Dschins Briefe in Ruhe. Sie sind noch zu klein, um an Mädchen zu denken,« neckte ich ihn.
»Meinen Sie?« Ein eigenartiger Ausdruck kam in sein Gesicht, die Augenlider senkten sich fast ganz über die schwarzen Punkte, und nur zwei Schlitze leuchteten mir aus dem gelben Gesichtchen entgegen.
»Größer werde ich nie werden,« sagte er mit Nachdruck, »und Hian-Sho-Dschin ist nicht einen Tag älter als ich,« fügte er hinzu.
In diesem Augenblick kam mein Schüler, und das Gespräch wurde abgebrochen. Der neue Chinese war bedeutend größer als Ming Tse, hatte aber ein kugelrundes Gesicht, wirres schwarzes Haar, das wie Borsten abstand, runde, ausdruckslose Augen und dicke Lippen, die unregelmäßige Zähne verdeckten, von denen der eine ganz ausgebrochen war. In seinem ganzen Auftreten lag etwas Unsicheres, Verschlafenes, was mich fürchten ließ, kein besonderes Kirchenlicht erfangen zu haben. Ming Tse wohnte der ersten Stunde als Kritiker bei. Er machte Grimassen, sobald Hian-Sho-Dschin einen Fehler machte und unterhielt sich und mich, indem er nachäffte, wie zögernd und unbeholfen der Seekadett ein Diktat schrieb. Er ließ die Feder immer ein paarmal in der Luft herumfahren, bevor er ansetzte, und auch da sah es aus, als ob er ein Greis wäre, dessen Hand die Feder nicht mehr ruhig führen könne.
Sein Ideal war das Lesen politischer Artikel, von denen er gewiß nichts verstand, aber da seine Begeisterung für diese Art Literatur so groß war, tat ich nichts dagegen.
Mit wahrer Gönnermiene führte er mich nach der Stunde von Hian-Sho-Dschin weg und sagte mir in dem Tone eines weisen Vormundes, indem er mich von der Seite ansah: