»Sie dürfen aber nie – nie etwas annehmen von Hian-Sho-Dschin, er ist noch viel schlimmer als Hoang-Zo.«

Ich gelobte feierlich, seiner Warnung zu gehorchen, konnte mich jedoch nicht enthalten, innerlich zwischen Europa und Asien einen Vergleich zu ziehen. Auf seine Art und Weise hatte der kleine Chinese mich gewiß gern – er war sogar um mich besorgt –, aber dies hinderte ihn nicht, mich mit gefährlichen Personen bekannt zu machen, nein, mich geradezu zu bitten, hinzugehen. Warum?

Während wir über die Heide gingen, fragte ich ihn:

»Herr Ming Tse, würde es Ihnen leid tun, wenn ich sterben würde?« Ich fühlte, daß ein Wort des Bedauerns mir wohltun könnte.

Er sah mich verwundert an. »Ja, gewiß.« Nach einer kleinen Pause fuhr er fort: »Ich würde einen Brief schreiben, einen sehr langen und lieben Brief und ihn auf Ihrem Grabe verbrennen.«

Nach chinesischen Anschauungen kann nämlich der Tote auf diese Weise erfahren, was der Lebende ihm sagen wollte. Unwillkürlich erwachte die Neugierde in mir, zu erfahren, was in dem langen und lieben Briefe stehen würde, aber ich sagte nur:

»Das wäre in der Tat sehr lieb von Ihnen, Herr Ming Tse.«

»Sie sind mein liebster Professor,« entgegnete Ming Tse, und ich fühlte, daß mir vor Rührung die Tränen in die Augen stiegen, kam ich mir doch so verlassen und unverstanden vor, und tat mir dieser einfache Ausspruch, der am Ende ja nur »chinesische Höflichkeit« war, doch so wohl! Ich wandte indessen mein Gesicht ab, um meinen kleinen Chinesen nichts von dem, was in mir vorging, merken zu lassen. –

Es mochte mehr als eine Woche verstrichen sein. Seit etwa vier Wochen hatte ich mit Aufbietung aller meiner Willenskraft jeden Morgen ein Glas Essig getrunken, aber zu meiner Verzweiflung merkte ich noch gar keine Wirkung. Wohl war ich blasser geworden und hatte dunkle Ringe unter den Augen, wohl aß ich wenig und ging mit Anstrengung, trotzdem flüsterte mir eine innere Stimme zu, daß ich nicht, wie ich ausgerechnet hatte, in sechs Monaten tot sein würde. Ich fühlte mit Mutlosigkeit, daß ich diese Marter nicht sechs Monate aushalten könnte – ich mußte ein anderes, ein schnelleres Mittel finden, aber welches?

Da erinnerte ich mich an »Der Blumen Rache« von Freiligrath. Ich wollte Lilien, Tuberrosen und andere stark duftende Blumen kaufen, Tür und Fenster sorgfältig verhängen, einen langen, langen Spaziergang machen, von dem ich todmüde nach Hause kommen würde, wollte mich auf das Bett werfen, wo ich so oft bitterlich weinend gelegen hatte, und wollte die Blumen in allerlei Gefäßen um dasselbe gruppieren, die am stärksten dufteten aber auf mich legen und dann – Hoffentlich gab es kein Erwachen!