Ich hatte die Nacht vom Sonnabend zum Sonntag gewählt. Dieser Tag war immer so viel entsetzlicher als die sechs anderen zusammengenommen, daß ich mir eine wahre Freude daraus machte, einen Sonntag zum Abfahrtstag zu ernennen. Ob Hölle, ob nichts auf der anderen Seite – es war mir gleichgültig. Ich hatte die Hölle hier, und das Nichts hat mich nie erschreckt. Wie schön, wie überwältigend schön es sein mußte, zu vergessen, daß man je gelebt hat! Dann waren alle Leidenschaften tot, alle Wünsche begraben. Ich verbrannte meine Briefe, verschenkte meine alten Kleider, gab meinen Kolleginnen kleine Geschenke und rechnete meine Hinterlassenschaft zusammen. Sie würde klein sein, da mich die Blumen so viel Geld kosten würden. Sooft ich an einem Blumengeschäft vorbeiging und mein Auge auf die großen, glänzenden, stark duftenden Lilien fiel, fuhr ein leiser Schmerz durch mein Inneres. Sterben war ja schön – es war das einzige, was mir Trost bringen konnte, was erfolgreich die Sehnsucht nach Glück in mir vernichten würde, aber es war traurig, zu sterben, bevor man gelebt hatte. Ich hatte treu geliebt und lange – so lange, daß ich nie vergessen konnte, und doch hatte ich das oft damit verbundene Glück nie gekannt, kaum geahnt. Ich schüttelte heftig diese unnützen Betrachtungen ab und sagte mir leise: »Uebermorgen!«
Und mir schien es, als hörte ich die Schwingen des Todes mich umrauschen.
A. F. Seebacher |
IX.
| Ich liebe dich, mich reizt deine schöne Gestalt, |
| Und bist du nicht willig, so brauch' ich Gewalt. |
| Goethe. |
IX.
Es war Freitag abends – noch vierundzwanzig Stunden, und die Frist war abgelaufen. Heute sah ich Ming Tse – den letzten Lichtpunkt in meiner traurigen Existenz – zum letztenmal. Noch einmal würde das fremdländische Parfüm des chinesischen Tees den kleinen Raum durchstreifen und mich schmeichelnd umkosen, noch einmal würde die komische, kleine Gestalt den Federstiel in den Mundwinkel versetzen und nachdenklich aufwärts blicken, noch einmal würde ich sein ansteckendes Lachen hören, noch einmal von ihm zur Elektrischen begleitet werden, und dann – dann war alles vorüber. Montag früh würde man hoffentlich in den Blättern lesen, daß – aber wozu daran denken? Nicht mehr sechzig trostlose Jahre vor mir, Friede, Ruhe! Wie schön mir die bestaubten Blüten am Wegrand schienen, wie weich ins Rosa der Farbenton der fernen Wolken ging! Wie die einfachen Sperlinge mir zart geformt vorkamen und die Klänge einer Mundharmonika Erinnerungen an längstvergangene Kindertage wachriefen. In diesem Augenblicke fühlte ich, daß ich die Welt liebte, nicht weil ich zu bleiben wünschte, sondern weil ich wußte, daß ich von ihr schied, gerade deshalb liebkoste ich alles, was ich sah, in Gedanken und nahm Abschied von all dem Schönen, das sich mir zeigte.
Ming Tse kam mir wie immer freundlich entgegen und gab mir eine rote Rose, indem er sagte, daß diese auf der weißen Bluse sich gut ausnehmen würde, hierauf schritten wir an die Arbeit. Ich machte nur wenige Ausstellungen, und nur, als das Ende der Stunde nahte und er den Tee in der kleinen rosa Tasse vor mich hinstellte, fragte ich ihn, ob er nicht einige deutsche Gedichte lesen wollte. Ich hatte ihm vor einigen Tagen ein Buch deutscher Gedichte der hervorragendsten Dichter gegeben – es sollte ihm eine Art Erinnerung sein, wenn – Er erklärte sich zu meiner inneren Verwunderung gleich bereit, meinen Wunsch zu erfüllen. Was sollte dieser mir so unbekannte Eifer bedeuten? Wollte er mir in das Grab die Ueberzeugung mitgeben, die ich bisher nicht von ihm gehabt, daß er sich für etwas nicht rein Materielles interessieren könne?
»Was soll ich lesen?« erkundigte er sich, indem er das Buch vom Regal nahm und es aufschlug.
Ich weiß nicht mehr, was wir zuerst gelesen, das zweite Gedicht aber, das ich wählte, war der »Erlkönig«, weil es mir leicht verständlich erschien.