Ming Tse las und übersetzte weit besser als gewöhnlich, doch als wir zur vorletzten Strophe kamen, ging mein Erstaunen geradezu in Bewunderung über, denn er las diesen Vers zweimal, und zum erstenmal, seit ich ihn lesen hörte (und das geschah nun fünfmal wöchentlich seit nahezu acht Monaten), lag ein gewisses Gefühl, etwas wie Pathos in Stimme und Ausdruck.
»Ich liebe dich, mich reizt deine schöne Gestalt,« sagte er und sah absolut überzeugt aus von dem, was er las. »Was war nur in ihn gefahren?« überlegte ich.
»– und bist du nicht willig, so brauch' ich Gewalt!« Eigentlich schien mir dieser Teil noch besser zu gefallen, wenigstens legte er den größten Nachdruck auf »so brauch ich Gewalt«. Ich muß ihm unrecht getan haben, sagte ich mir. Er hat Gefühl und Verständnis für Kunstgenüsse, er hat möglicherweise sogar eine Seele (was ich bis dahin sehr angezweifelt hatte) und ist besseren, erhabeneren Regungen zugänglich, nur hat niemand es verstanden, sie in ihm zu entwickeln.
Während ich mich diesen Betrachtungen hingab, hatte Ming Tse das Gedicht fertig gelesen und niedergelegt. Der eine Arm lag auf der grünen Tischdecke, der andere lag regungslos auf seinen zaundürren Beinchen. Die Sonne war im Sinken begriffen, und die ersten Schatten der Dämmerung erfüllten den Raum, ohne jedoch das Anzünden der Lampe nötig zu machen. Seine ruhigen, immer gleichen Gesichtszüge verrieten nichts von dem, was in ihm vorgehen mochte, nur die wimperlosen Lider waren tief gesenkt – die Augen schienen geschlossen. Durch das offene Fenster drang fernes Klavierspiel undeutlich herein, und in der kurzen Pause konnte man das Summen einer ins Zimmer verirrten Biene hören.
Die Augen öffneten sich nicht, aber das Gesicht wurde mir zugewendet, als er die Frage an mich richtete:
»Wollen Sie meine Frau werden?«
Wenn der Mond vom Himmel herab und zum offenen Fenster hereingestiegen wäre, hätte ich nicht erstaunter sein können. Ich habe doch schon öfter selbst Heiratsanträge gehabt, habe den Verlobungen anderer beigewohnt (gewiß ein seltener Fall), hatte manch ein Paar Liebende zusammengebracht, aber so etwas wie diese unvermittelte Frage über den Tisch herüber von dem kleinen Chinesen – das überstieg selbst meinen doch gewiß ungewöhnlich ausgedehnten Horizont.
»Ich liebe dich, mich reizt deine schöne Gestalt, und bist du nicht willig, so brauch' ich Gewalt,« sagte Ming Tse mit jener unerschütterlichen Ruhe, die nur ein Asiate haben kann. Die Worte an und für sich waren freundlich gemeint, der Ton hätte in seiner Leidenschaftslosigkeit ebensogut »ich hasse dich« ausdrücken können.
»Würden Sie mit einer Europäerin glücklich werden können, und würde Ihr Vater einen solchen Schritt Ihrerseits je billigen?« fragte ich, als ich den Gebrauch meiner Sprachwerkzeuge zurückerlangt hatte.
»Mein Vater hat Europäer gern, und er weiß, daß ich mit Ihnen stets weiterstudieren könnte. Was mich anbetrifft, so sind Sie die einzige Person, die ich in Europa gern habe, und in China habe ich nur noch eine Person lieb – meine Mutter!« sagte er ruhig.