Ich hätte um alles in der Welt gern seine Augen gesehen. Wenn man über seine ganze Zukunft entscheidet, wenn man sein Leben, sein Glück, seine Freiheit in die Hand eines Mannes legt, so möchte man gern irgendwelche moralische Ueberzeugung haben, daß er diese Schätze, unser Um und Auf, zu hüten wissen wird; aber die schwarzen Augen des Chinesen waren verdeckt von den Lidern, die wie aus Elfenbein geschnittenen Züge verrieten nichts von seinen Gefühlen oder Absichten, und er kam mir nicht näher. Er saß mir gegenüber und – wartete.

Sollte ich »nein« sagen? Allerdings entging ich damit neuen moralischen Konflikten, möglicherweise wies ich damit kommendes Unheil ab, aber andrerseits, warum sollte ich nicht »ja« sagen? Meine Lage war nicht wie die anderer Mädchen. Einen Europäer hätte ich nicht heiraten mögen, weil er mich zu sehr an – an ihn, den Verlorenen, erinnert hätte, aber warum nicht einen Orientalen? Verschieden genug waren sie, um ein Erinnern auszuschließen.

Und was begann ich, wenn ich »nein« sagte? Ich wollte ja morgen sterben. War es nicht wie eine Fügung des Himmels, daß mich der kleine Chinese gerade heute fragte, ob ich seine Frau werden wollte? Der Tod lief mir nicht davon. Entweder war meine Zukunft heller, und da konnte ich weiterleben, oder sie war ebenso dunkel oder noch dunkler (ich schauerte unwillkürlich zusammen), und da konnte ich sterben. Aufgeschoben ist nicht aufgehoben, und unterdessen konnte ich versuchen, die schlummernde Seele in diesem kleinen Chinesen zu wecken. Er war ein Jahr jünger, wir waren gleich groß und im Wissen war er mir weit unterlegen. Ich würde ein gewisses Uebergewicht haben. Da ich nichts zu verlieren hatte, konnte ich nur gewinnen.

Ming Tses Augen oder die Ecken seiner Augen blieben die ganze Zeit auf mich geheftet. »Ja oder nein?« fragte er endlich.

»Ja!«

»Ich bin sehr froh,« sagte er einfach. »Ich freue mich auf die Zeit, wo wir immer beisammen sein werden.«

Er hatte gleich mir oft und bitter unter der Einsamkeit gelitten, es würde dies ein Band mehr zwischen uns sein.

Wir lächelten uns zu – das war alles. Zum erstenmal schien es mir, als ob die europäische Sitte sich bei einer Verlobung zu küssen, unleugbar seine Vorteile habe. Gerade in jenen Augenblicken fühlte ich, daß es angenehm sein müßte, sich, und wäre es auch nur einige Sekunden lang, an eine anteilnehmende Brust zu lehnen, war ich doch wie ein vom Sturm mitgenommenes und beinahe gestrandetes Schiff eben in einen Hafen eingelaufen – aber der Hafen, das fühlte ich leider gleichzeitig, war eben ein chinesischer.

Wir sprachen nur über alltägliche Dinge, nur als ich mich erhob, um wegzugehen, sagte er:

»Jetzt mußt du mich »Du« und »Li Bai« nennen, Käthe!«