»Sehr gerne!« erwiderte ich. Er begleitete mich zur Elektrischen, reichte mir gerade so einfach die Hand zum Abschied wie immer und fügte nur hinzu:

»Jetzt sind wir Freunde, nicht wahr?«, was ich bejahte. Ein letzter Gruß von der kleinen braunen Hand, in die ich alles gelegt hatte, was einem Mädchen teuer sein kann, und die Elektrische trug mich um die Ecke, während ich das Gefühl hatte, als halte mich irgendein böser Geist bei den Füßen und ließe mich gewaltsam kopfstehen, wodurch ich alles, was früher gerade war, verkehrt sehen mußte. Mich deuchte, als hätte sich mein Gesichtspunkt vollständig verändert, als hätte ich den Splitter eines Zauberspiegels ins Auge bekommen, der mich alles verzerrt und ganz anders als vorher erblicken ließ. Er hatte nicht einmal die Hand auf meinen Arm gelegt – er war in der Entfernung von einem Meter den ganzen Abend, auch auf dem Heimwege, geblieben. Wenn ich Verschiedenheit von Europäern wünschte, hier hatte ich eine genügende Menge davon.

Und auf diese Weise war ich die Braut von Li Bai Ming Tse geworden.

X.

Toujours Mars ne met pas au jour
Des sujets de sang et de larmes,
Mais toujours l'empire d'amour
Est plain de troubles et d'alarmes.

X.

Sechs Wochen waren seit jenem ereignisvollen Abende ins Land gegangen, und dennoch glaube ich nicht, daß Li Bai und ich uns geistig genähert hatten in dieser Zeit. Er hörte aufmerksam zu, wenn ich ihm von allerlei Kunstwerken erzählte, er sammelte mit sichtlichem Vergnügen die Karten, Bilder aus der Mythologie vorstellend, und war nicht abgeneigt, die Sagen zu erfahren, aber weiteres Interesse erweckten sie nicht bei ihm. Wir lasen Werke zusammen, – er ohne Anteilnahme. Wir nahmen die englische Literaturgeschichte durch, und manche Perlen wurden ausgegraben, aber an ihn waren sie verschwendet. Er liebte nur ganz einfache Sachen der Wirklichkeit, am allermeisten als Hausfrau herumzuschalten, alles aufzustellen, zu putzen, zu schmücken. Er konnte stundenlang bei dem einen Indier sitzen und ihm zusehen, wie er ein Skelett zusammensetzte, räumte für ihn die Bücher auf und flickte jeden Sonntag nachmittag seine Sachen, bevor er zur Gesandtschaft ging, wo er den Abend verbrachte. Hatte ich gehofft, weniger einsam zu sein, wenn ich mit ihm verlobt war, so mußte ich mir eher das Gegenteil eingestehen. Ich kam mir eben durch den Kontrast noch verlassener, noch einsamer vor, tröstete mich indessen mit dem Gedanken, daß ich noch genug von seiner Gesellschaft haben würde, sobald wir verheiratet waren.

An Ueberraschungen fehlte es nie, denn wenn ich schon nicht über meine Verwunderung, daß irgendein Mann ein Recht haben sollte, ein Mädel zu küssen und es nicht tun würde, hinwegkam, so hatte ich Grund, mich über andere Sachen noch mehr zu wundern.

Es war etwa eine Woche nach unserer Verlobung, als er mich bat, meine Hand flach auf den Tisch zu legen, da er Messungen vornehmen wollte. Ich tat wie er mir geheißen, und er maß und maß eine halbe Ewigkeit an meinem Daumen herum, machte dann Zeichnungen auf ein Papier und schnitt endlich einen Kreis aus, über dessen Anblick er sehr vergnügt schien.

»Himmel, Li Bai,« rief ich lachend, »wollen Sie mir Daumenschrauben machen lassen?«