»Denke dir! Man schneidet Hian-Sho-Dschin den Kopf ab!« Seine Stimme klang entschieden triumphierend, denn da Hian-Sho-Dschin aus dem Süden, Ming Tse aus dem Norden Chinas kam, war sowohl ihre Sprache (oder doch der Dialekt) als auch ihre Anschauungen und Charaktere sehr verschieden, und Ming Tse sah immer mit Verachtung auf seinen mondscheibenbesichteten Landsmann, obschon letzterer ihn um Kopfeslänge überragte.

Mir fehlten die Worte. »Den Kopf abschneiden?« Es tat mir plötzlich ungeheuer leid um das Mondscheibengesicht und den stotternden jungen Seekadetten.

»Doch nicht hier, du lieber Himmel?« rief ich entsetzt.

»Ja, – nein,« erwiderte Li Bai. »Der Vater war Revolutionär, und ihm schneidet man dieser Tage in China den Kopf ab, und sobald Hian-Sho-Dschin nach China kommt, schneidet man ihm auch den Kopf ab,« erzählte mir Li Bai mit Frohlocken.

»Der arme junge Mensch!« sagte ich mitleidig. Er war mir allerdings alle Stunden, die ich ihm gegeben hatte, schuldig geblieben, aber deshalb wollte ich doch um keinen Preis daran denken, daß es angenehm sei, ihm den Kopf abzuschneiden.

»Er darf nie in sein Land zurückkehren,« meinte ich.

»Macht nichts, wir haben genug Schafe dort,« entgegnete Ming Tse. Nicht ein Funken Mitgefühl zeigte sich für den unglücklichen Landsmann.

»Wie hartherzig du bist, Li Bai!« sagte ich vorwurfsvoll.

»Warum sollte ich heucheln?« fragte er ganz verwundert. »Es tut mir nicht leid um ihn, warum soll ich es daher sagen? Hier in Europa tritt man jemand auf den Fuß, sagt ›es tut mir so leid‹ und lacht dabei trotzdem ganz vergnügt. Wir sagen nicht ›so leid‹, wenn wir nichts fühlen.«

Das war gewiß sehr wahr, ich war schon oft jemand auf die Zehen getreten, ganz besonders im Omnibus, und hatte vielleicht sogar manch ein Hühnerauge fest gequetscht, ohne daß mein Herz besonders »sorry« gewesen war, obschon meine Lippen mechanisch sofort »sorry« geflüstert hatten, aber dennoch – trotz alledem –? Chinesen sind Chinesen, dachte ich mir, und damit war alles gesagt.