Als Traum eines jungen Mädchens hätte ein solches Verhältnis nur Enttäuschungen mit sich geführt, denn obschon er mir oft Blumen, Obst und selbst Schmuckstücke gab, so zeigte er doch nie Zärtlichkeit. Auch auf die Liebe kam er nicht mehr zurück. Wozu denn? Er hatte es mir ja einmal gesagt und es war zu hoffen, daß ich nicht an Gedächtnisschwund litt, warum daher zweimal ein und dieselbe Sache erwähnen?
Andrerseits hatte es den Vorteil, daß mir alle unangenehmen und oft lächerlichen Fragen, die ein Europäer an mich gestellt hätte, erspart blieben, wie z. B. ob ich schon früher geliebt habe. Es gehört wirklich der grenzenlose Dünkel und die Verblendung eines eitlen Mannes dazu, sich vorzustellen, daß man dreiundzwanzig Jahre gerade auf ihn gewartet habe, um mit dem Verlieben anzufangen. Selbst wenn man bis zu diesem Alter »den einzigen und richtigen Mann« nicht gefunden hätte, würde man ihm doch nicht jene vertrauensselige Zuneigung entgegenbringen können, wie fünf Jahre vorher. Man kennt da schon das Leben, hat Männer in ihrem Umgange mit anderen Frauen beobachtet und hat bemerkt, daß die Götter, zu denen man einst mit so viel Bewunderung und mit vollster Ueberzeugung ihrer Unfehlbarkeit aufgesehen hat, nur Gipsfüße, wenn nicht gar – Hufe haben! Man liebt noch, aber eher vergebend, als bewundernd, blind vertrauend jedenfalls nicht mehr.
Ein Europäer versucht bei seiner künftigen Frau nicht nur das Herz mikroskopisch zu untersuchen – er trachtet auch so viel als möglich von dem Seelenleben seiner kommenden Lebensgefährtin kennenzulernen. Ming Tse war sich, das glaube ich heute noch, nicht bewußt, daß ich so ein Ding wie ein tieferes Seelenleben hatte. Er wußte, daß ich viel gelernt hatte, was gewiß irgendwo im Kopfe herumschwamm, – das war alles. Die Schönheit der Natur machte keinen Eindruck auf ihn, ebensowenig Musik oder Poesie, daher verstand er nicht, daß sie andere Leute entzücken konnten. Alles Abstrakte war in seinen Augen »Unsinn«, deshalb konnte ich in die Welt meiner Träume flüchten, ohne je zu fürchten, daß er mir dorthin folgen würde, um neugierig zu forschen. Ich ließ über mein Inneres, mein tiefstes ›Ich‹, einfach einen Vorhang niederrauschen und was vor dem lag, das gehörte dem Chinesen. Die nie geahnten Schätze würde er nicht entbehren.
Auch die dritte Untugend der Europäer – die ärgste meiner Ansicht nach – hatte er nicht. Er versuchte nie an mir herumzumodeln. Während ich seine Lehrerin war, hatte er nach jeder Stunde seine Beobachtungen über meine Persönlichkeit eingetragen, und das endlich sich ergebende Resultat war entschieden zufriedenstellend, nachdem er mich heiraten wollte. Jetzt kannte er mich – wenigstens seiner Meinung nach – und ein weiteres Forschen wäre Kraft- und Zeitvergeudung gewesen. Wozu verändern, was jedenfalls nur schwer zu ändern wäre? Er ließ mich so verbleiben, nahm mich so, wie ich war, und versuchte nie mich umzugestalten. Meinem europäischen Temperament getreu, hätte ich zwar gern auf ihn verändernd eingewirkt, sah indessen einerseits die Hoffnungslosigkeit eines solchen Unternehmens, andrerseits die Ungerechtigkeit einer solchen Handlung angesichts seiner Nachsicht gegen meine Schwächen ein und ließ es bleiben. Ich wollte lieber alles aufbieten, mich ihm anzupassen, als zu verlangen, daß er sich so vollständig europäisieren sollte.
Endlich kam die Antwort seines Vaters. Er hatte eingesehen, daß sein Sohn zu keiner Prüfung kam und war nicht abgeneigt, ihn heimkommen zu lassen. Er widersetzte sich auch nicht einer Heirat mit einer Europäerin, die ihn früher unterrichtet hatte und die imstande sein würde, diesen Unterricht auch in China fortzusetzen. Ferner würde es ihm auf diese Weise leichter sein, den Sohn später noch einmal nach Europa zu schicken, da er gewiß die europäische Gattin auf seiner Seite haben würde, – kurz, der Mandarin gab seine Zustimmung mit der einzigen Bitte, daß die Heirat, die ohnehin nach den Gesetzen in China stattfinden mußte, nicht nur auf europäische, sondern auch auf chinesische Art und Weise gefeiert werden solle. Mama sollte mich begleiten und die Trauung ehemöglichst geschlossen werden.
Seine Mutter schien dagegen sehr gegen eine solche Heirat zu sein, da jedoch der Wunsch des Mandarins auch sie zwang, leistete sie keinen offenen Widerstand. Ich hatte dies allerdings genau so erwartet, fürchtete nun aber nichtsdestoweniger die kommenden Feindseligkeiten zwischen mir und der künftigen gelben Schwiegermutter.
Ming Tse war selig, nach China zurückkehren zu dürfen. Er ging den ganzen Tag umher, um die nötigen Einkäufe zu machen, packte seine Riesenschachteln, Kisten und Koffer mit unheimlicher Genauigkeit und so schön, daß nicht ein Kleidungsstück gedrückt, nicht eine unnötige Falte gemacht wurde. Die Bücher, deren Bekanntschaft er nur äußerlich gemacht hatte, wurden gleichfalls wie die Soldaten eingepackt und standen in den Kisten ebenso schön »Habt Acht!« wie sie es früher am Kaminsims und auf dem Tische getan hatten.
Oft besuchten ihn seine Landsleute, und da entstand ein so heilloser Lärm (sie sprachen alle in ihrer Muttersprache und gestikulierten mit Händen und Füßen), daß man sein eigenes Wort nicht hören konnte, dazu verdrehten sie die Augen, als ob sie vom Veitstanz besessen wären. Neben mir saß oft ein junger Seekadett – ein Freund Hian-Sho-Dschins – und ihn fragte ich eines Tages, warum sich die Chinesen eigentlich immer zankten, wenn sie zusammenkamen.
»Sie zanken nicht, Fräulein,« antwortete er mir mit seiner weichen, wohltuenden Stimme, »sie tauschen nur in ganz freundlicher Weise ihre Meinungen aus.«
»Ich küß' die Hand,« konnte ich mich nicht enthalten innerlich zu bemerken, »wie gebärden sie sich wohl dann, wenn sie sich tatsächlich in den Haaren liegen!«