Die meisten dieser jungen Leute, die alle zwischen zwanzig und achtundzwanzig Jahre alt waren, hatten Frauen daheim, die sie fünf Jahre und länger nicht gesehen hatten und die ihr freudenloses Dasein unter der Herrschaft einer Schwiegermutter fristen mußten.

Inzwischen veränderten die Männer ihre Ideen vollständig, und die Frau, die ihnen früher genügt hatte, schien ihnen jetzt ungebildet, möglicherweise sogar unschön. Hatten sie die Gattin vorher schon nicht gut behandelt, so würde sie jetzt eine noch schwerere Stellung haben. Wie schrecklich sind doch die Einrichtungen in einem Lande, wo man zwei sich unbekannte Wesen aneinanderknüpft, bevor sie ein Alter erreicht haben, wo sie sich dagegen wehren könnten. Allerdings ist die Macht der Eltern so groß, daß auch ein Wehren von seiten der Kinder ganz nutzlos wäre; der Sohn hat in Japan zum mindesten das Recht, seine Meinung über die Zukünftige auszusprechen, die er einmal von Ferne zu sehen bekommt, in China nicht einmal dies, und dem Mädchen hilft nichts, nichts als sich zu fügen. Trotzdem kommt es heutzutage vor, daß Mädchen freiwillig auf die Ehe verzichten. Die Schwester Hoang-Zos, dessen Vater tot war, wollte nicht heiraten, und der Bruder, der selbst sehr viele europäische Ansichten teilte, zwang sie nicht dazu. Er selber soll seine erste Frau – so sagte Ming Tse – an gebrochenem Herzen haben sterben lassen. Zwei Jahre lang war er fern von der Heimat in Japan und kehrte auch trotz der Bitten seiner Gattin nicht an ihr Sterbebett zurück. Im großen und ganzen fühlte ich mich durch diese Betrachtungen keineswegs zu einer Ehe mit einem Chinesen ermutigt, doch war mir Ming Tses heiteres Gemüt – er war wie ausgetauscht, seit er heimkehren durfte – ein Hoffnungsstrahl. Gewiß würden wir als zwei gute Kameraden miteinander leben können.

Endlich hatte ich auch heimgeschrieben, Mama von meiner Verlobung erzählt, Li Bais finanzielle Stellung erklärt und sie gebeten, sich so schnell als möglich auf die Reise nach China vorzubereiten, da sie nach dem Gesetz die Dokumente – Ehevertrag usw. – mit dem Vater Ming Tses austauschen müsse. Ferner bat ich sie, Jenny mitzunehmen. Li Bai drang darauf, die Fahrten für uns alle drei zu bezahlen, und um alle Streitigkeiten darüber abzuschneiden, hatte er schon jetzt die Sitze bestellt und die Karten zugesichert erhalten, so daß ich Mama erklärte, daß jede Weigerung ihrerseits unmöglich gemacht wäre. Ich wußte, daß sie überall hin gern reiste, wo man nicht über das Wasser zu fahren brauchte, und daher zweifelte ich nicht, daß sie nach einigen »Ach« und »Oh!« sich auf die Socken machen würde.

Nach fünf Tagen kam die Antwort. Mama protestierte zwar vier Seiten lang, sagte aber auf der fünften, daß sie selig war, mich so gut versorgt zu wissen und auf der sechsten, daß sie schon alle Vorbereitungen getroffen, um mich nach China zu begleiten. Das Hochzeitskleid für sie selbst und die Toilette für Jenny würde in zwei Tagen fertig sein, und in etwa vierzehn Tagen würden beide Damen in London eintreffen, von wo aus wir am 29. September nach Berlin, Moskau und weiter mit der sibirischen Eisenbahn nach Tientsin, Ming Tses Vaterstadt, fahren würden.

Meine Schwester schrieb:

»Liebster, dummer Kather! Ich weiß in der Tat nicht, ob ich Dir gratulieren oder kondolieren soll, doch tröste ich mich mit dem Gedanken, daß Du, die Du so ein vernünftiges Mädel bist, gewiß nicht »ja« gesagt hättest, wenn Du nicht überzeugt wärest, glücklich zu werden. Mir standen vor Entsetzen die Haare zu Berg, als ich Deinen Brief gelesen habe. Einen Chinesen!? Einen echten, gelben Chinesen!! Hat er einen langen Zopf? Oh, Käthe, nimm ihn nicht, wenn er einen Zopf hat!! Ich habe einst in einem Roman gelesen, daß die Chinesen ihre Zöpfe dazu verwenden, ihre Feinde zu erdrosseln. Und ist er gelb, so gelb wie eine Zitrone? Wie ich mich freue, ihn kennenzulernen, – aber heiraten würde ich keinen Chinesen, o nein, Käthe, o nein. Ich habe gleich nach Erhalt Deines Briefes alle alten Geographiebücher, deren Inhalt ich längst vergessen, hervorgesucht und auch im großen Konversationslexikon alles über Chinesen durchgelesen und finde, daß sie gute Handelsleute, genügsam und fleißig, aber sehr grausam sind. Wirst Du Dir müssen die Füße verkrüppeln lassen, bevor Du seine Frau wirst? Es soll furchtbar wehtun, Käthe, laß' es lieber bleiben, du hast ja ohnehin kleine Füße, wenn sie auch nicht wie die »goldenen Lilien« der Chinesinnen sind, die kaum hin und her wackeln können und immer in einer Sänfte getragen werden müssen.

Jetzt will ich Dir berichten, welche Wirkung Deine Verlobung auf die »Familie« gemacht hat – und dann – – noch etwas. O Käthe, ich sehne mich nach Dir! Ich habe so viel erlebt.

Wir saßen am Frühstückstisch – Mama und ich –, als wir unsere Briefe erhielten. Mama las den ihrigen zum zweitenmal, als ich den meinigen erbrach, da ich um eine Pröbstlinge in den Garten gesprungen war. Bevor ich über die ersten Worte gekommen, sprang Mama auf, umarmte mich, weinte und schluchzte, daß ich mich ganz kalt werden fühlte und sagte dann: »Jenny, Deine Schwester hat sich verlobt.« Sie ging sofort in die Küche und schickte die alte Resi zu den Tanten, um sie zu bitten, in wichtiger, freudiger Angelegenheit sogleich zu uns zu kommen. Ich hatte unterdessen Deinen Brief gelesen.

»Mama!« rief ich entsetzt, als sie zurückkehrte, denn mir war vor lauter Schrecken der Appetit vergangen, »es ist ein gelber Mann, ein Chinese mit Zopf und Fächer, mit dem sie sich verlobt hat!«

»Sei keine Gans,« fiel mir Mama in die Rede, »Zöpfe haben sie heutzutage nicht mehr und wenn auch, um so besser, da kann ihn Käthe daran ziehen, sooft er ihr etwas nicht richtig macht.« Nach einer Pause fuhr sie fort: »Und die Farbe hat nichts zu bedeuten, Jenny, du dummes Ding, weiße Männer haben auch ihre Faxen.«