Daraufhin zog Mama ihr allerbestes Seidenkleid an, legte Deinen Brief auf das kleine Nähtischchen am Fenster, setzte sich in den großen Lehnstuhl und führte von Zeit zu Zeit das Taschentuch an die Augen, aber trotzdem schien es mir, als ob sie sehr glücklich wäre.

Ich selbst lief in den Garten und warf mich auf den Rasen, wo ich bitterlich weinte, denn immer sah ich einen gelben Mann vor mir, der seinen dünnen schwarzen Zopf um Deinen zarten Hals wickelte und würgte und würgte; und je mehr er Dich würgte, um so gelber wurde er im Gesicht. Da siehst Du, wie kindisch ich bin, Schwesterchen!

Eine schwache Stunde später war unsere Türglocke in unausgesetzter Bewegung. Tante Hermine mit ihren Töchtern, Onkel Sebastian mit seiner langen Pfeife, Tante Elly mit Lotta und ihrem Mann, der selbst an einen Chinesen erinnert, da er so gelb im Gesicht ist – nur zum Zopf wäre nicht Vorrat genug da –, Onkel Paul, der zum Trost für sein auferlegtes Schweigen eine echte Havanna zwischen den Lippen drehen durfte, Onkel Mossi, lieb und lustig wie immer, mit seinen beiden Dackeln, Tante Emma mit einem Strumpf und Tante Paula mit dem anderen, beide frisch vom Morgengottesdienst, kamen angelaufen. Als alle feierlich Platz genommen hatten, wischte Mama erst sorgfältig ein paar Tränen ab und teilte ihnen hierauf mit, daß Du Dich mit dem Sohne eines Mandarins, Herrn Li Bai Ming Tse, verlobt hast und daß – weiter kam die arme Mama nicht, denn alle hatten die Hände in die Luft gestreckt und stießen unartikulierte Laute aus. Die Onkel klammerten sich an die Sessellehnen fest und die Tanten und Kusinen fielen alle in Ohnmacht. Ich hatte dies vorausgesehen, und daher standen schon mehrere Riechfläschchen bereit, die ich nun den Tanten als gehorsame Nichte unter die Nasen hielt, aber Onkel Mossi, der bemerkte, daß Lotta die Augen geschlossen hatte, um besser über eine kommende Bissigkeit nachdenken zu können, stellte sich, als ob er auch sie bewußtlos glaubte, und hielt ihr eine Flasche Salmiak unter die Nase. Du hättest die Wirkung sehen sollen! Onkel Mossi stand vorsichtig seitlich von ihrem Stuhle, und als sie die Flasche entrüstet von sich stieß, flog ein Teil des Inhalts nicht auf den Lieblingsonkel, sondern geradeswegs in den offenen Mund Tante Emmas, die vor Erstaunen über Deine Verlobung denselben weit aufgerissen hatte. Du hättest sie alle schreien hören sollen! Die arme Tante schrie wie am Spieß und führte einen wahren Indianerkriegstanz aus, weil die Zunge so sehr brannte. Wie ich wünschte, daß Lotta den Inhalt geschickt auf die Zunge verteilt erhalten hätte! Onkel Mossi sah so unschuldig aus, wie irgendein angemalter Heiliger an der Wand in der Domkirche.

Als sich die Gemüter so weit beruhigt hatten, daß die Zungen sich wieder im alten Geleise bewegten, ertönte es von allen Seiten:

»Ein Chinese!!!«

Und da die Onkel wußten, daß ein Refrain immer willkommen war, wiederholten sie in ihrer Baßstimme:

»Ein Chinese!«

»Ein Heide!« rief Tante Emma und schüttelte mißbilligend ihr jungfräuliches Haupt.

»Sie verdirbt uns die Rasse!« erklärte Tante Hermine erbittert.

»Mit ihrer Unkenntnis der Hauswirtschaft hätte sie für einen Deutschen nicht gepaßt,« versicherte Base Rita.