An der russischen Grenze leerte man unsere Koffer einfach auf den schmutzigen Bahnsteig aus, und die Zollbeamten – oder wie mein Vetter sie zu betiteln pflegte, – die Kofferspione – fuhren mit ihren zweifelhaft reinen Händen schauerlich unter den Sachen herum. Li Bai, der seinen Koffer mit der ihm eigenen Pedanterie gepackt hatte, sprach chinesisch – kaum Kosenamen, denke ich mir –, und ich hatte große Mühe, den übervollen Koffer wieder zu schließen. Ich bat daher Jenny, sich darauf zu setzen, damit ihr Gewicht den störrigen Gesellen eines Besseren belehren möge, aber da kam ich schön an. Li Bai entließ uns mit einem Blicke und einer Handbewegung, die keine Feder hinreichend wiedergeben könnte und packte meinen Koffer selbst. Jenny fiel beinahe in Ohnmacht, als sie bemerkte, was für Kleidungsstücke dabei notwendigerweise durch seine kleinen Hände wandern mußten, aber ich habe in der Hinsicht stärkere Nerven. Der fertige Koffer war ein Meisterwerk, und wohl oder übel mußte sich Jenny demselben Schicksal unterwerfen, denn Ming Tse sagte mit mehr Wahrheit als Höflichkeit:
»Ihr könnt beide nicht einen Koffer packen.«
Bei der Paßrevision und auch im Speisewagen half mir meine Kenntnis des Russischen, was meinen Reisegefährten sehr imponierte, weil sie mit der Sprache des Zarenreiches gar nicht vertraut waren. Sie half mir auch sehr in Moskau, wohin wir am folgenden Tag spät abends gelangten und im Hotel l'Europe abstiegen, wo man die Sprachen der ganzen gebildeten Welt hören konnte. Herrlich schönes Moskau! Früh am nächsten Morgen stand ich auf dem kleinen Balkon und sah hinweg über die unzähligen Kuppeln und Türme, die malerischen Gebäude dieser echt russischen Stadt, mit dem Kreml im Hintergrund und dem flutenden Verkehr zu meinen Füßen. Wir waren im Oktober und die Blätter der Bäume wiesen alle Farbennuancen vom hellsten Gelb bis zum tiefsten Braun auf, rote Blätter funkelten dazwischen hervor und der tiefblaue Herbsthimmel, auf dem die aufgehende Sonne eben einige Wölkchen rosig färbte, bevor sie die Kuppeln und Baumspitzen küßte, rief in meinem Herzen allerlei Gefühle wach, von denen das stärkste jedoch der Wunsch war, das, was ich jetzt in mir widerklingen hörte, durch den Pinsel oder die Feder verewigen zu können. Die Größe und reine, erhabene Schönheit der Natur verglichen mit unserem armseligen Haschen und Jagen – wonach? Die ewig wiederkehrende Frage des »Seins oder Nichtseins«, das beseligende Bewußtsein, daß alles Kleinliche in solchen Augenblicken von uns abfällt wie ein altes Kleid, dessen wir länger nicht bedürfen, ein Verlassen des eigenen Ichs, um sich über die Erde hinaus in unbekannte Welten zu schwingen – alles dies bewegt die Seele bei dem Anblick reiner Schönheit, und muß man auch bald in die graue Wirklichkeit zurückkehren, bleibt doch der Eindruck des Gesehenen zurück und zittert als schöne Erinnerung noch lange in uns nach.
»Käthe,« rief in diesem Augenblick Mama, »ich wünschte, du würdest nicht eine halbe Stunde lang mit der Nase auf die Wolken gerichtet stehen, sondern lieber auf deine Toilette schauen. Deine Krawatte sitzt schief.«
»So richte sie bitte,« erwiderte ich müde. Was war eine Krawatte gegen das Universum?
»Aber Käthe,« entfuhr es Jenny, »hast du wirklich Lust auf dem Balkon zu stehen, wenn alle Gäste noch schlafen? Jetzt ist ja niemand zu sehen.«
»Jenny,« erwiderte ich ernst, »ich schaue nicht die Leute an – die interessieren mich nicht. Ich blickte,« setzte ich träumerisch hinzu, »auf die Schattierungen der Blätter und die Farbenabstufung am Himmel.«
In diesem Augenblick trat Ming Tse ein.
»Käthe studiert Farbenabtönungen am Himmelsbogen und darunter,« rief meine Schwester ihm entgegen.
Ich zog Li Bai auf den Balkon. »Ist es nicht wunder-, wunderschön?« fragte ich ihn und legte unwillkürlich meine Hand auf seinen Arm, als wollte ich etwas von dem, was mich so stark bewegte, durch Magnetismus auf ihn übergehen lassen.