»Schwester, sei nicht so maßlos eitel und sprich nicht immer von deinen Vorzügen, du wirst dich Fremden gegenüber lächerlich machen. Dies ist jedoch nur nebenbei bemerkt,« sagte ich, als ich sah, daß Jenny beleidigt die Lippen aufwarf, »ich wollte dich nur bitten, immer lange Aermel zu tragen und auch einen hohen Kragen zu wählen, so lange du im Orient bist. Die Orientalen finden es im höchsten Grade abstoßend und unmoralisch, so gekleidet zu gehen. Tust du es, wirst du dir viele Unannehmlichkeiten zuziehen.«

»Oh, Unsinn,« erklärte meine Schwester, legte aber in Zukunft doch Blusen, wie ich sie vorgeschlagen hatte, an.

Ming Tse kam zu uns zurück. »Wollt ihr nicht Kaffee trinken, Kinder?« fragte er.

Ich, die ich ahnte, wie der Kaffee auf dem Schiff sein würde, lehnte sofort ab und riet den andern, mir nachzutun. Jenny tat es, Li Bai aber ging mutig in die Tiefen. Als eine Viertelstunde nach der andern verging und er nicht zurückkehrte, ging ich auf die Suche nach ihm aus. Er taumelte mir bei der Treppe entgegen, wankte auf die Brüstung zu und sah wie ein Geist aus.

»Was ist dir geschehen, Li Bai?« fragte ich besorgt.

»Kaffee!« war die einzige Antwort. Gleich darauf verlangte der Meergott seinen Tribut und – erhielt ihn.

Erst als ich nach einer Weile den armen Chinesen in einen Deckstuhl verpackt und mit einem Reiseplaid umwickelt hatte, erzählte er, daß er nach langem Warten einen teuren Kaffee bekommen hatte, der keinen Geschmack und wenig Farbe besaß, ganz lauwarm war und ihn sofort seekrank machte. Er schimpfte auf die Holländer, als ob die ganze Nation nur schlechten Kaffee kochen würde, und hat noch heute eine sehr unschmeichelhafte Meinung von Holland und seinen Bewohnern.

In Vlissingen kehrte Mama zur Oberfläche als handelndes Menschenkind zurück, und auch Ming Tse stand wieder sicher auf seinen zarten Beinen. Der Kapitän nickte Mama wie einer alten Bekannten zu und war stolz darauf – wie er ihr versicherte –, sie so gut an allen Gefahren vorüber in den Hafen geführt zu haben, doch Mama sah gar nicht so dankbar aus als man Ursache hatte zu vermuten, und Li Bai sah den Kapitän, das Schiff und die Besatzung so wütend an, als wollte er ihnen allen einen Paß zum Reiche der Seejungfrauen ausstellen.

Kaum war die Zollrevision vorüber, wollte Ming Tse etwas essen und weigerte sich, den Berliner Expreß zu betreten, bevor er wußte, und aus guter Quelle wußte, daß der Speisewagen mitfolgte. Erst als wir uns im Wagen gegenübersaßen und uns die überstandene Fahrt nur ein Traum schien, tauten Mama und der kleine Chinese, die beide bei den Göttern und Heiligen ihres Landes schworen, nie wieder die Planken eines Schiffes zu betreten, ein wenig auf.

An der deutschen Grenze war wieder Zollrevision, und hierauf durften wir schlafen. In Berlin blieben wir nur einen halben Tag, und mir tat es wohl, nach langer Zeit wieder in einem Lande zu weilen, wo man meine Sprache sprach. Jenny war selig, »Unter den Linden« einige Einkäufe machen zu können, und Ming Tse war ebenso unermüdlich wie sie im Wählen allerlei Kleinigkeiten, die man nach China mitführen sollte. Am Abend verließen wir Berlin, und Jenny drückte ihr Näschen an die Scheiben, um acht Uhr abends das Nachtleben Berlins vom Zuge aus beobachtend. Natürlich neckten wir sie hinterher und fragten, was ihr vom »Nachtleben« am besten gefallen habe. Ich freute mich innig, daß meine Schwester noch so beglückend naiv war, und bedauerte, Mama zugeredet zu haben, sie nach China mitzunehmen. Jetzt war eine Aenderung nicht mehr zulässig.