Um zehn Uhr wurde das Abfahrtssignal gegeben, und der lange Zug setzte sich in Bewegung. Am Korridorfenster stand Li Bai und winkte seinen Freunden zu, solange man noch ein Viertel eines einzigen Chinesen in der Ferne erkennen konnte, und war noch einige Zeit nachher etwas einsilbig. Lange jedoch, bevor wir nach Queenborough kamen, plauderten wir alle höchst vergnügt miteinander.
Ming Tse, der ein reizender Reisekamerad war, breitete sein lichtblaues Seidentaschentuch über meinen und Jennys Schoß aus und verteilte Früchte. Mama wollte an der Fütterung vorläufig nicht teilnehmen, aber Jennys weiße Zähne bissen mit sichtlichem Behagen in die appetitlichen Aepfel. Ihr war die Reise ein großer Spaß, Mama ein wichtiges Ereignis, das feierlich behandelt und durchgeführt werden mußte, Ming Tse eine Genugtuung sondergleichen, da er endlich in die geliebte Heimat zurück durfte, und mir – eine Frage an das Schicksal, die Entscheidung über meine ganze Zukunft. – Und dennoch hatte nicht einer der drei Mitreisenden, die mir doch am allernächsten auf der Welt standen oder bald stehen würden, die blasseste Ahnung von dem, was in mir vorging, und infolgedessen das allergeringste Mitleid. Nicht einer von ihnen hätte mich verstanden, wenn ich gesprochen hätte, und so betrug ich mich als guter Gefährte, lachte und scherzte mit ihnen und fühlte mehr denn je, was für eine elende Komödie das Leben war, wo man immer und vor allen Leuten eine Maske tragen mußte und doch noch froh war, daß man das Recht hatte, eine Maske zu tragen, die einen vor dem Hohn der Mitmenschen, die anders dachten, schützen konnte.
In Queenborough verließen wir den Zug, um uns auf das Schiff zu begeben. Erst Mama mit einem Träger an ihrer Seite, dem sie ununterbrochen wiederholte, so schnell wie möglich zu gehen. Das erbitterte ihn so, daß er ihr mitteilte, die Sturmflagge wehe schon vom Mast – während in Wirklichkeit nicht ein Lüftchen sich regte, und ein so glänzend blauer Himmel, wie er nur selten über Großbritannien lacht, sich über unsern Häuptern wölbte –, hinter ihr Jenny mit den Fruchtkörbchen und einer Hutschachtel, dann ich, ebenfalls mit mehreren Schachteln beladen, und endlich Ming Tse, der zwei Träger beaufsichtigte. Die großen Koffer waren alle vorausgeschickt worden, was wir mitführten, war lediglich Handgepäck, und trotzdem wälzten wir uns wie eine Karawane heran. Sobald wir das Schiff betreten hatten, ging Mama zum Kapitän und erkundigte sich, ob wir in der Tat untergehen würden, was er verneinte und Mama gelobte, sein Möglichstes zu tun, eine so furchtbare Katastrophe abzuwenden. Er sprach mit großer Ernsthaftigkeit, aber um die Mundwinkel zuckte es verräterisch, und seine grauen Augen blinzelten mir, sooft ich näherkam, vielsagend zu. Die arme Mama, die das Fahren auf dem Meere nicht verträgt, verschwand in eine Kajüte und blieb trotz des herrlichen Wetters und der spiegelklaren See verschwunden, so lange wir nicht festen Boden unter uns hatten, Ming Tse schob uns Mädchen in eine Ecke und setzte sich als Haremswächter davor. Seine Augen schossen Blitze, sooft sich ein männliches Wesen uns näherte, und Jenny sah sich daher gezwungen, jeden Flirt zu unterlassen. Dagegen fütterte er uns die ganze Zeit mit den herrlichen, riesengroßen Pfirsichen, an die ich noch jetzt mit Genuß zurückdenke – gewiß die schönsten, die ich gesehen oder gegessen hatte.
Nach einer Weile begann die alte Baracke – denn diese holländischen Schiffe sind klein und armselig ausgestattet – trotz des klaren Himmels und der ruhigen See ein wenig zu wackeln, was Ming Tse veranlaßte, sich tiefer in den Reiseplaid zu wickeln und steinunglücklich dreinzuschauen. Jenny benützte die Schwäche des Wächters dazu, auf das Hinterdeck zu entfliehen, wo sie ihre Blicke über die Fluten, über den Himmel und – über die Mitreisenden, über letztere nicht am wenigsten, gleiten ließ.
»Gott sei Dank, daß du nicht wie deine Schwester bist,« brummte mein Verlobter. »So ein Mädchen ist die reine Pest.«
Wir unterhielten uns besonders über einen alten Juden, der uns nahe saß und aus einem schmutzigen Papier heraus ein Stück Fleisch wickelte, was ich als Ueberreste eines Huhns, er als die eines Kaninchens betrachtete.
Der Vorfall erinnerte mich an eine merkwürdige Episode in Ming Tses Londoner Existenz. Er erhielt einst, ohne es zu wissen, ein Kaninchen vorgesetzt und war so böse, als er erfuhr, was er gegessen hatte, daß er sofort ausziehen wollte. Kein Wunder! Da sein Vater nie Kaninchen verspeisen durfte, war es dem Sohne auch nicht erlaubt, und ich erinnerte mich, daß der arme Chinese eine ganze Menge Brechpulver einnehmen mußte, damit das widerspenstige Kaninchen wieder herauswanderte, denn drinnen bleiben durfte es nicht – das wäre ein himmelschreiendes Verbrechen gegen alle seine Vorfahren gewesen. Folglich quälte ihn der Anblick des Juden und des Kaninchens in einem solchen Grade, daß er überall herumging, nur um diesen zwei Schreckgestalten auszuweichen. Mich wickelte er vorsichtig in einen großen, warmen Plaid und schob den Deckstuhl so nahe an das Schiffsende heran, daß ich nichts als die Fluten übersehen konnte. Er selbst suchte und fand Jenny.
»Ihre Schwester braucht Sie,« sagte er kurz. Dann fügte er hinzu: »Sie haben genug herumgeschaut, die armen Männer müssen endlich Ruhe haben,« – sprach's und schob sie, die ihn um Kopfeslänge überragte, gebieterisch in meine Richtung.
»Jenny,« fragte ich sie, sobald Li Bai außer Hörweite war, »hast du nur diese Blusen mit kurzen Aermeln und ausgeschnittenem Halse?«
»Gewiß,« lautete die Antwort. »Mama sagt, ich habe so schöne Arme und einen hübsch geformten Hals – warum soll ich ihn da zudecken, wie du den deinen?«