»Jenny,« bat ich sie, »hab' ihn recht lieb, und spiele nicht mit allen Männern, die du triffst. Glaube mir, Kind, Huldigungen sind angenehm, aber ein treues Herz, auf das man wirklich bauen kann, ist tausendmal schöner und kostbarer.«

Jenny küßte mich und gelobte mir, so wenig kokett wie möglich zu sein. »Ueber sein Können ist niemand verpflichtet,« sagt ja selbst Goethe, und ich verlange auch nur, daß Jenny ihr Bestes in dieser Hinsicht leisten würde. Blicke mit Vorübergehenden und Mitreisenden würden trotzdem noch zur Genüge – und darüber hinaus – gewechselt werden.

Ein ernstes Gespräch ließ ich nicht aufkommen. Meine Schwester war zu jung, zu unerfahren, um mich zu verstehen, und um nichts in der Welt hätte ich mich verleiten lassen, ihre schönen Jugendillusionen zu zerstören, ihr die Erde – das Leben auf derselben eigentlich – so zu zeigen, wie es wirklich war oder wie ich wenigstens es gefunden hatte. Mein bitterer Pessimismus sollte nicht einen Augenblick die frohe Zuversicht meiner Schwester trüben. Als es zwei Uhr schlug, hüllte ich Jenny in ein langes Tuch ein, zündete ihr Kerzenstümpfchen wieder an und schob sie gebieterisch zur Tür hinaus.

»Du mußt schlafen, Jenny,« ermahnte ich sie, »du weißt, daß Mama mit ihrem Bahnfieber dich um sechs Uhr wecken wird, damit wir um zehn Uhr pünktlich auf der Station sind, und auch du, Fräulein Eitelkeit, wirst diese Zeit gut verwenden können, um dich so hübsch wie möglich zu machen. Jenny, Schwesterchen, ich kenne dich! Gute Nacht!«

»Noch eine Frage, Käthe,« bat sie schmeichelnd, »eigentlich kam ich nur deshalb zu dir. Wie werden deine Kinder sein? Weiß oder gelb?«

Ich schob sie sanft zur Tür hinaus und sagte lachend und geheimnisvoll:

»Gesprenkelt!«

Ich hörte, wie Jenny vor der Tür vor lauter Entsetzen und Ueberraschung nach Atem rang, öffnete daher die Tür noch einmal eine Spanne weit und flüsterte ernst:

»Sei doch kein Gänschen, Jenny – hoffentlich werde ich keine Kinder haben – gesprenkelt sicher nicht,« damit schloß ich die Tür endgültig.

Um halb zehn Uhr vormittags waren wir alle pünktlich auf dem Bahnhof – Victoria Station – versammelt. Meine europäischen Freunde hatten schon gestern von mir Abschied genommen, und da die allermeisten gegen diese Heirat waren (Engländer sind noch mehr gegen Mischung der Rassen als andere Europäer), so stand ich unbegleitet auf der grauen Plattform der düsteren Halle. Um so zahlreicher vertreten war die chinesische Kolonie. Einige konnten kein Wort außer Chinesisch, und wir nickten uns gegenseitig nur zu, andere sprachen etwas Englisch. Sie alle umringten Ming Tse, der seiner Schenkungsseligkeit wegen sehr beliebt war, wenn er ihnen auch oft unangenehme Wahrheiten mit verblüffender Aufrichtigkeit sagte. Mehrere von ihnen brachten Körbchen voll herrlichen Obstes – Trauben die einen, Pfirsiche die andern, und ein Chinese brachte eine Tüte rotbackiger Aepfel, mit denen Jenny schon jetzt liebäugelte.