»Mein Plan mißlang – durch Ihre Schuld.« Er fügte kein einziges Wort hinzu, er sprach den Satz nicht lauter als alle anderen Sätze aus, aus seinen ruhigen Gesichtszügen sprach keine Drohung – nicht einmal die geringste Unzufriedenheit – und doch wußte ich, daß kein Verbrecher so bitter bestraft werden würde für sein Vergehen, als die kleine Schwiegertochter, die seine Pläne so jäh über den Haufen gestoßen.
»Um Jennys willen,« sagte ich mir, als ich mit tiefer Verbeugung von Ming Tse senior Abschied nahm.
Kaum war ich glücklich seiner angsteinflößenden Persönlichkeit entgangen, als ich Jenny suchte und sie endlich mit Chung-Fus Söhnchen auf dem Schoße fand, mit dem sie eifrigst spielte und den sie küßte. Dieser Anblick erschreckte mich so, daß ich alles andere darüber vergaß.
»Um Himmels willen, Jenny,« rief ich, »küsse den Kleinen nicht. Du weißt, wie furchtbar unsittlich man das Küssen hier findet, und daß meine Schwiegermutter es mir nie verzeihen würde, so etwas geduldet zu haben?«
Jenny ließ den kleinen siebenjährigen Chinesen von ihrem Schoße auf den Boden gleiten. Da flog auch schon meine Schwägerin herbei und riß das Kind zeternd mit sich fort. Ein haßerfüllter Blick traf meine Schwester und dann auch mich.
Kaum waren wir allein, als ich Jenny von meinem Gespräch mit dem Mandarin erzählte.
»Aber Käthe, der Doktor will mich am Ende gar nicht, er hat nie –« warf sie ein.
»Du mußt Mama sagen, daß er um dich in aller Form gefreit hat!« erklärte ich mit Bestimmtheit. »Ich werde dir einen Brief mitgeben, den du sofort aufgibst, wie du frei hier herauskommst. Wahrscheinlich wird der Doktor dich heiraten, denn er scheint dich zu lieben, dafür spricht die Locke – und anderes, aber wenn auch nicht –, so lange dich der Arm chinesischer Gerechtigkeit erreichen kann, mußt du Mama und alle anderen Leute in dem Glauben lassen, daß du mit deinem Doktor verlobt bist. Jenny,« fuhr ich tiefernst fort, »wenn du einen Fehler machst, kommst du nie mehr nach Europa zurück.«
Meine Schwester sah den Ernst der Lage ein und spielte ihre Rolle vortrefflich. Ich selbst schrieb einen langen Brief an den Doktor, den Jenny in ihrer Bluse versteckt herumtrug, bis es ihr gelang, ihn unbemerkt in einen Briefkasten zu werfen. In dem Briefe aber hatte ich dem Doktor die ganze Sachlage erklärt und ihm gesagt, daß er sich nicht für gebunden zu halten brauche, da ich Mama sofort von dem wahren Sachverhalt verständigen würde, sobald China mit seinen Schrecken hinter den mir teuren Reisenden liegen werde.
Zwei Tage später reisten Jenny und Mama ab. So sehr zitterte ich um das Glück meiner Schwester, daß ich fast gar nicht weinte, als sie schieden, und erst als ein Telegramm von Nagodan mir sagte, daß sie das Himmlische Reich wieder verlassen hatten, überkam mich das Bewußtsein meiner grenzenlosen Einsamkeit. Seit dem Gespräch mit meinem Schwiegervater wurde ich nicht mehr in die Bank gerufen, und mit der Abreise Mamas und Jennys war das letzte Band zerrissen, das mich an die Außenwelt knüpfte.