»Sind die Wünsche Ihrer Töchter für Sie maßgebend?« fragte mit unverkennbarem Spott der gefürchtete Mandarin.
»Ich will meine Kinder glücklich sehen!« entgegnete Mama, die nur an den Doktor, an die Verbindungen seiner Eltern, an den Glanz einer Trauung, den Neid der Tanten und so weiter dachte, und an der jeder Pfeil des Spotts wirkungslos abprallte.
»Ich kenne den Doktor sehr gut und wünsche lebhaft eine solche Verbindung!« sagte Mama rasch. »Das süße Dingelchen hat wohl aus lauter Scheu über den Antrag nicht gesprochen, bis wir wieder auf der Heimreise wären!« fügte sie mit sichtlicher Befriedigung hinzu. Sie dankte meinem Schwiegervater warm für die Gastfreundschaft, die er ihr und Jenny gezeigt hatte, und drückte ihr Bedauern aus, daß sie seine Bitte, Jenny noch einige Monate in China zu lassen, nicht erfüllen könne, damit neigte sie grüßend das Haupt und eilte auf ihre Zimmer zu.
Ich fühlte, wie etwas mir kalt und unbehaglich den Rücken hinablief, als ich die verschleierten Blicke des Mandarins auf mich gerichtet sah. Wir standen uns wohl eine geschlagene Minute regungslos gegenüber, dann sagte er kalt:
»Sie sind sehr bemüht, Ihrer Schwester Glück zu gründen – ist es so schlimm, mit einem Chinesen verheiratet zu sein?«
»Nein,« antwortete ich tonlos, »aber man muß auf vieles verzichten, was man in Europa in einer Ehe finden kann. Wenn ich mit Li Bai glücklich bin, folgt daraus noch nicht, daß meine anspruchsvolle Schwester es auch sein würde.«
»Und was muß man in einer chinesischen Ehe entbehren?« fragte er finster.
Ich dachte an Li Bais wechselndes Verhalten, seine oft ausbrechende Grausamkeit, seine Gleichgültigkeit gegen mein Unwohlbefinden, seinen Mangel an Nachsicht und seine immer seltener werdenden Liebkosungen.
»Zärtlichkeit und Freiheit!« erklärte ich daher unerschrocken.
Er schien meine Entgegnung absichtlich zu überhören. Er verweilte einige Sekunden lang in derselben Stellung wie früher, dann sagte er: