Langsam verstrichen die Wochen, sie glitten fast unbemerkt an mir vorbei, die ich leidend auf den Kissen meines Lagers lag und die Zeit herbeisehnte, wo ein kleines süßes Wesen die gefürchtete Einsamkeit auf immer von mir nehmen würde. Li Bai war aufmerksam gegen mich, aber wie verschieden von den Männern des fernen Okzidents! Wie unempfindlich gegen die körperlichen Leiden seiner Mitmenschen, wie verständnislos gegen jedes tiefere seelische Weh. Er konnte kindlich heiter oder männlich brutal sein – Mann in des Wortes schönster Bedeutung war er nie.

Jenny schrieb mir oft. Sie war mit dem Doktor verheiratet und im zehnten Himmel oder so klang es wenigstens aus ihren Zeilen heraus. Ich gönnte dem Kinde sein reines Glück, aber ich vermochte nicht ganz die Frage zu unterdrücken, warum Jennys Geschick so viel, viel lichter als das meinige sein durfte, warum ich immer nur Pech, sie immer nur Glück hatte? Hunderterlei philosophische Betrachtungen ließen sich daran knüpfen und doch wollte mich keine Antwort befriedigen. Wieviel glücklicher als wir Menschen waren die elenden Raupen, auf die wir doch nur mit Verachtung herabsahen! Jede hatte dieselben Lebensberechtigungen und genoß dieselben Freuden wie ihre Nachbarin, kein weniger vorteilhaftes Aeußere schnitt ihre Glückschancen jäh ab, keine Gewissensbisse konnten eine Raupenexistenz trüben, keine leidenschaftlichen Wünsche ein Raupeninneres erzittern machen, es sei denn der Wunsch, ein saftiges Blatt zu verspeisen. Hatte eine Raupe einen Baum voll solcher Blätter gefunden, konnten die anderen gewiß sein, auch auf denselben Baum klettern zu dürfen. Mein ewig forschender Geist versuchte und versuchte immer vergeblich das Rätsel unseres Seins zu lösen. Li Bai litt nie unter dieserlei Gedanken, ihm war alles gleich, wenn er nur hübsche Kleider, Geld, genug Speise und Trank und – Mädchen hatte, alles andere hatte keine Bedeutung für ihn.

Nur ein Ereignis aus dieser Zeit steht klar vor meinen Blicken. Unser Nachbar, Herr Liang Tse, wurde plötzlich zu seinen Vorfahren einberufen, und da er nicht nur ein alter Nachbar, sondern auch ein guter Freund des Mandarins war, nahm unsere ganze Familie regen Anteil an dem Unglücksfall. Unter reger Teilnahme darf man nun freilich nicht unser europäisches Mitleid verstehen – so etwas kennt ein Chinese nicht –, wohl aber ein Sichwichtigmachen und ununterbrochenes Hin- und Herlaufen zwischen unserem Hause und dem Sterbehause der Liang Tses.

Sieben Tage lang darf nämlich daheim nichts gekocht werden, und daher bringen alle Nachbarn die nötigen Lebensmittel in das Sterbehaus, die aber nicht mit den Speisestäbchen, sondern nur mit den Fingern in den Mund befördert werden. Wenn man bedenkt, daß die Vorschrift ebenfalls befiehlt, daß man sich in der Zeit weder waschen noch die Haare schneiden, noch die Nägel verkürzen soll, so wird man leicht begreifen, wie unendlich appetitlich so eine Hand am siebenten Tag aussieht – für europäische Begriffe natürlich, denn ein Chinese sieht nicht den Schmutz, sondern lediglich die große Trauer der Hinterbliebenen in einer solchen Handlung.

Die weiblichen Familienmitglieder müssen Tag und Nacht bei der Leiche bleiben, und alle müssen so laut als möglich ihre Klagen gegen den Himmel (oder die Zimmerdecke) schreien. Wer das Sterbezimmer betritt, muß auf Händen und Füßen herankriechen, um den Toten die gebührende Ehre zu zeigen. Parte werden auf braunem Papier geschrieben und durch die Neffen oder Enkel des Dahingeschiedenen in die Häuser aller Bekannten geschickt, aber man erwartet auch eine gewisse Belohnung für solche Aufmerksamkeit. Die so mit Parte bedachten Personen geben meist den Kindern einige Geldstücke, die beitragen, die hohen Begräbniskosten zu decken, denn so eine Beerdigung eines Hausvaters ist eine sehr kostspielige Sache in einem Lande, wo man den Toten viel mehr Ehren zollt als den Lebendigen.

Der Sarg allein, der mindestens so groß wie ein kleines Zimmer ist und aus dem dicksten Mahagoniholz sein muß, kostet sehr viel Geld und wird oft schon viele Jahre vor seinem Ableben von dem Manne selbst gekauft und nach und nach abgezahlt. In der Mitte dieser großen Kiste ist eine Oeffnung, groß genug, den Toten bequem ruhen zu lassen, rund um diese Vertiefung aber befinden sich allerlei Fächer, in die alle Kleider, Schmuckgegenstände usw. des Verstorbenen gelegt werden und die ihn in das Grab hinabbegleiten. Damit ist aber lange nicht genügt. Täglich müssen eine große Anzahl Räucherkerzen und wohlriechendes Holz verbrannt werden und der Tote darf nicht früher der Erde übergeben werden, bevor der Zauberer nicht den richtigen Platz gefunden hat, was oft recht viele Tage in Anspruch nimmt; ferner muß die Familie weiße Trauerkleider haben, die sie jedoch schon nach der Beerdigung gegen dunkelblaue (Halbtrauer) umtauschen können. Alle roten Papierstreifen im Hause müssen entfernt und diese durch weiße ersetzt werden, was alles viel Geld kostet; aber am meisten kostet wohl der lange Trauerzug.

Die Leiche wird mit einer Schicht Baumwolle umgeben und sodann der Sarg sorgfältig verklebt, damit auch nicht die allergeringste Spalte bleibt. Ist dies geschehen, so trägt man den Sarg, den zwanzig Männer kaum heben können, über die Schwelle und der Trauerzug setzt sich in Bewegung. Voran tragen Chinesen allerlei Nachahmungen von Dienern und Dienerinnen auf Papier, wie auch von Tieren, Hausgeräten aller Art, von Kleidungsstücken und ähnlichen Sachen, die alle auf dem Grabe feierlich verbrannt werden und mit denen sich der Geist in der nächsten Welt seinen neuen Haushalt gründet. Papierene Gold- und Silbermünzen werden auf den Weg gestreut, damit die Dämone über sie herfallen und den Toten unbeachtet lassen. Viele Räucherkerzen und Papiere werden unterwegs und auf dem Grabe verbrannt, und die Leidtragenden stimmen die ohrenzerreißendsten Klagegesänge an. Die Söhne des Dahingeschiedenen müssen immer von zwei Chinesen unter den Armen gehalten werden, weil man annimmt, daß sie vor lauter Gram und Kummer nicht gehen können, aber in Wirklichkeit ist ihr Schmerz keineswegs allzu groß. Wirft sich gar ein Sohn in den Staub, um darin herumzurollen und Jammerlaute auszustoßen, so muß der Zug stehenbleiben, bis der Mustersohn sich wieder gefaßt hat, und so eine öffentliche Kummerbezeugung wird ihm sehr hoch angerechnet. Bei den Chinesen mehr als bei allen anderen Völkern gilt überall und vor allem der Schein.

Am Grabe angekommen, das fast durchwegs die Form eines Hufeisens hat und das immer bewacht ist, da die großen mitversenkten Schätze die Banditen sehr anlocken, werden alle nachgeahmten Tiere, Diener, Hausgeräte usw. verbrannt, Räucherkerzen ebenfalls, das Jammergeschrei der Leidtragenden muß meilenweit hörbar sein und dann erst darf man an den Rückmarsch denken. Fahren darf niemand und da oft ein Beerdigungsplatz viele Stunden weit entfernt liegt, kommen die Leidtragenden mehr tot als lebendig heim. Aber was tut's? Sie haben ihre Pflicht erfüllt und ein schönes Beispiel kindlicher Liebe und Hingebung gegeben.

Hundert Tage nach dem Sterbetag des Vaters wird seine Namenstafel dem Hausaltare eingefügt, vor dem der jetzige Hausherr täglich seinen Kotau machen muß, und damit ist die Geschichte erledigt. Nein, nicht ganz! Denn drei Jahre lang sollen die Kinder Trauer tragen und in der Zeit dürfen sie keine Ehen schließen. Man beschränkt die Trauerzeit jedoch heutzutage meist auf zweieinviertel Jahr, was noch immerhin sehr lange für unsere Begriffe ist.

Li Bai, der sich vor dem Tode sehr fürchtete und mir oft sagte, daß er lieber ein blinder lahmer Krüppel sein würde als sterben zu wollen, war durch dieses Ereignis sehr niedergedrückt und bekam einen bösen Anfall nach dem anderen, was natürlich in Grausamkeiten, wenn nicht in Werken, so doch in Worten, mir gegenüber sein Ende nahm. Auch war er von beispiellosem Aberglauben.