»Wenn eine Katze auf dem Dache oberhalb des Sterbezimmers ist und ein Hund unter das Bett des Toten kriecht, so kann der Tote aufstehen und dann tötet er alle, die er erreichen kann,« sagte er ganz überzeugt. »Und daher muß immer ein Wächter das Dach bewachen und die Leute unten das Eindringen eines Hundes verhüten,« er rückte mir ganz ängstlich näher, »wenn es aber doch geschehen sollte, daß der Tote aufstehen kann, so muß man ihm einen Stock in die Hand geben, da faßt er ihn gleich mit beiden Armen und fällt um und dann kann man sich ihm ruhig nähern und ihn zurück auf das Bett legen.«
Auch wußte er von Toten zu erzählen, die im Sarge laut geschrien hätten, von Dämonen, die allerlei Unfug getrieben, weil man nicht Räucherkerzen genug abgebrannt hatte, von Vampiren, die sich auf den Körper ihres vorigen Feindes stürzten und sein Blut langsam aussaugten und vieles dieser Art.
Grausame Geschichten gefallen dem chinesischen Temperament, grausame Strafen zu ersinnen ist ihnen ein seelischer Hochgenuß. Li Bai konnte ein wahres Vergnügen daran finden, mir trotz meines Zustandes von Enthauptungen chinesischer Verbrecher zu erzählen und die furchtbare Methode des langsamen Verbrennens einer Gattenmörderin zu beschreiben, der man ein chemisches Präparat in Gestalt einer Stange in den Magen stößt, das sie langsam innerlich verbrennt. Drei Tage und drei Nächte leidet das Opfer die furchtbarsten Schmerzen, bevor endlich die Erlösung eintritt. Die Folter wird noch allgemein angewendet und die verschiedenen Todesarten sind allzu grausam, als daß ich sie hier beschreiben wollte. Sie scheinen den Chinesen keineswegs zu hart und eins ist gewiß: Sie empfinden körperlichen Schmerz nicht wie wir. Sie ertragen Foltern, die kein weißer Mann aushalten könnte und sie verstümmeln absichtlich ihre Glieder, brennen ohne Klagen ihre eigenen Augen aus oder schlagen sich mit einem Stein Beulen auf den Kopf, um sich zum Bettlerfache auszubilden. Sie gehen an menschlichem Elend mitleidslos vorüber, vielleicht weil oftmalige Hungersnot, Seuchen und Ueberschwemmungen sie unempfindlicher gemacht haben, sie sind heldenmütig im Ertragen ihrer Leiden und Krankheiten, welche sie meist dem Einflusse böser Geister zuschreiben, und sie sind kaltblütiger als wir. Ihre Moral ist nicht unsere Moral, ihre Neigungen stimmen nicht mit den unsrigen überein. Sie sind fesselnde Bekanntschaften und schlechte Verwandte; als Diener sind sie schweigsam, fleißig, genügsam und ausdauernd, sehr schmutzig, unredlich und verlogen. In ihrer Heimat sind sie ebenso gut, wie wir in der unsrigen, aber wie wir nicht zu ihnen passen, passen auch sie nicht zu uns. Der Mond hat gewisse Vorzüge, seine Schönheit und seinen Wert, aber er muß am Nachthimmel sich zeigen. Vereint am Himmel können Sonne und Mond nicht stehen, ohne sich gegenseitig allzusehr zu benachteiligen. Westen ist Westen und Osten ist Osten, sagt Kipling, aber die beiden können sich nie treffen. – Nein, nie treffen in gleichen Anschauungen, gleichen Grundsätzen, gleichem Ziele zusteuernd. –
Täglich trat bei Li Bai mehr und mehr der materialistische Zug seines Wesens hervor, die Kopfschmerzen, die, wie wir endlich entdeckten, von dem unsinnigen Brauch herrührten, sich eine schlanke Mitte zu schaffen und zu erhalten, indem er einen breiten Ledergürtel straff über den Magen spannte, nahmen immer zu und seine Wutausbrüche wurden nicht geringer. Er sollte immer studieren, um im Herbst nach Europa zurückzukehren – der einzige Hoffnungsstrahl, der das grausige Dunkel meines Lebens erhellte – und dies wollte er nicht. Er liebte das tatenlose Dahinleben, das Zeitvergeuden und die oberflächlichen Gespräche, die er mit seinen Freunden pflegen konnte, und wollte auch, zu seiner Ehre sei es gesagt, seiner Mutter gern als Schutz gegen die Konkubinen seines Vaters zurückbleiben, aber der Mandarin übte seine ganze Strenge aus und ich tat, was ich vermochte, um ihm den Uebergang vom Nichtstun zur Arbeit so leicht als möglich zu gestalten.
Ein heißer, wolkenloser Junitag. Li Bai stand vor dem großen Spiegel in der Ecke unseres Schlafgemachs und rasierte sich – etwas, das er nie zu tun versäumte, da er sich glühend einen Bart wünschte, der aber bei den Chinesen selten vor dem Alter von vierzig Jahren sichtbar wird und daher, weil ein Zeichen weiseren Alters, immer Ehrfurcht einflößt; aber obschon er mir oft beteuerte, daß sich schon eine Unzahl Haare zeigten, muß ich gestehen, daß ich nie den Schatten auch nur eines einzigen kleinen Härleins entdecken konnte und sein Gesicht so glatt wie die reinste Haut eines jungen Mädchens war.
Ich fühlte mich elend – elend – und doch hatte der Zauberer mir den Storchbesuch erst für Anfang August angekündigt, aber jedenfalls hatten die ununterbrochenen kleineren und größeren Aufregungen das ihre beigetragen. Ich schrie auf und sank bewußtlos zurück.
Als ich die Augen wieder aufschlug, stand Li Bai über mich gebeugt da und fragte, ob ich mich nicht ganz wohl fühlte.
»Li Bai,« sagte ich bittend, indem ich meine letzten Kräfte aufraffte, »sende jemand in das englische Hospital.«
Einen Augenblick schien es, als wollte er Einwendungen machen, dann aber mußte mein Aussehen wohl jeden Zweifel getilgt haben, denn er machte sich daran auszugehen. Bevor er das Zimmer verließ, trat er noch einmal an mein Lager, wo ich schweißbedeckt und stöhnend lag.
»Mutter wird bald kommen und die ›Nurse‹ auch,« sagte er, »und mach' dir nichts daraus, wenn du ein paar Stunden große Schmerzen hast. Das ist immer so.« Damit nahm er seinen Fächer und verschwand. –