Von diesem Pinselfirnis nehmen wir etwas in ein Porzellanschälchen und decken mittelst eines elastischen Pinsels (am besten Marder- oder Fischpinsel) alle Flächen, deren Zeichnung wir nicht mehr zu ätzen beabsichtigen. In unsrem Falle wären dies die Luft und das lichte Gemäuer. Es muß dafür Sorge getragen werden, daß der Firnis auch wirklich in die Ritzen eindringt, da sonst unbedeckte Striche weiterätzen und den Gesamtton stören würden. Nachdem dieser Pinselfirnis vollkommen getrocknet ist, kommt die Platte zum zweitenmale in die Schale. In der vorhin beschriebenen Weise wird auch die zweite Ätzung eingeleitet und zu Ende geführt. Dabei muß der Gang des Prozesses sorgfältig überwacht werden, damit nicht die auf [Seite 27] schon erwähnten Stege unterfressen werden. Ist der Ätzgrund gut, das Ätzwasser nicht zu stark und die Zimmertemperatur normal, so wird dies auch nicht zu befürchten sein; sonst ist die Ätzung durch sofortiges Herausnehmen der Platte und Spülen derselben im Wasser zu unterbrechen.

Nach glatt verlaufener Ätzung wird die Platte gespült und getrocknet und die weitere Abdeckung mit Pinselfirnis vorgenommen. Nach der dritten Ätzung waren die kräftigsten Partien am längsten der Säure ausgesetzt und sind somit am tiefsten geätzt. Es versteht sich von selbst, daß die Zahl der Teilätzungen dem freien Ermessen des Radierers anheimgestellt ist; daß man über ein gewisses Maß nicht hinausgehen wird, ist einleuchtend, denn Kontrastwirkungen gehören eben zu den dankbarsten Mitteln, durch welche eine Radierung zu uns spricht. Jedenfalls soll sich der Anfänger, und gewiß zum Wohle seiner Arbeit, nicht über drei Teilätzungen versteigen.

Hat man aus Unvorsicht oder mangelnder Übung beim Abdecken Striche mit Firnis gedeckt, welche noch weiter ätzen sollen, so werden sie nach dem Trocknen des Firnisses mit der Nadel nachradiert; sie sind, da sie infolge der früheren Ätzung schon vertieft sind, unter dem Firnis ganz gut sichtbar. Auch fehlerhafte Striche (welche vor der ersten Ätzung schon richtig gestellt werden müssen) deckt man mit Pinselfirnis, ebenso alle Verletzungen, welche während des Arbeitens im Firnis entstanden sind, sowie die freigelegten Probestellen.

»Das Gehölz«, Original-Radierung von Alois L. Seibold

Zu voll darf der Pinsel nie genommen werden, damit der Firnis sich auf der Platte nicht in unerwünschter Weise ausbreite und Striche verdecke, die weiterätzen sollen. Nach dem Gebrauch wird der Pinsel mit Terpentin oder Seife gründlich gereinigt.

f) Über verschiedene Arbeitsprogramme.

Schon vor dem Aufpausen der Konturen soll sich der Radierer eine klare Disposition für den Verlauf seiner Arbeit zurechtlegen, nach der er seine Aufgabe zu bewältigen gedenkt. Eine solche Disposition ist hauptsächlich abhängig und bestimmt von der beabsichtigten Bildwirkung. Diese verlangt oft nach einem dem Gegenstande eigens angepaßten Arbeitsprogramm, nach welchem allein oft den verschiedentlichen technischen Schwierigkeiten beizukommen ist.

Betrachten wir z. B. einen ästereichen Baum, dessen dunkle Silhouette sich in zerrissenen Konturen von lichtem Hintergrunde abhebt.

Welche Arbeit würde hier nach der ersten Ätzung das Decken mit Pinselfirnis in den zahllosen Durchblicken erfordern! In allen solchen Fällen wird man sich die Radierarbeit in zwei, vielleicht gar drei Phasen teilen, zwischen denen immer geätzt wird. Die Aufmachung der Platte auf der Glastafel gestaltet ein solches Abwechseln von Radier- und Ätzarbeit zu einem spielenden. Die dunklen Partien des Vordergrundes werden zuerst radiert und gleich tief – jedoch mit Rücksichtnahme auf die noch folgenden Ätzungen – geätzt. Über die geätzten Striche kann beim Weiterradieren ganz unbesorgt darüber gegangen werden, da solche Striche den ohnehin tiefen Ton der früher geätzten Flächen nicht verändern.