Der Kupferdrucker beginnt, nachdem er die Platte blankgewischt, damit, Druckfarbe als mehr oder minder tiefen Farbenton auf die Platte zu bringen. Dort wo das technische Können oder die Geduld des Radierers versagt, muß der Drucker nachhelfen und Töne auf die Platte bringen – womöglich noch in verschiedenen Farben – um über die Kargheit, über die Leere der Zeichnung hinwegzutäuschen. Das ist Verwilderung des Stiles, die sich in letzter Zeit namentlich auf dem Gebiete der Radierung breit macht und mit ihren Talmi-Effekten den Laien verblüffen will. Ein Auge, das im Genießen von Radierungen geschult ist, wird auf den ersten Blick diese groben, unsachlichen Effekte von der Noblesse einer reinen Technik zu unterscheiden wissen.
»Motiv aus Obersteiermark«, Original-Radierung von Alois L. Seibold
Zum Technischen muß noch erwähnt werden, daß die Zahl der möglichen Abdrücke von einer Kupferplatte keineswegs unbeschränkt ist. 200 Abdrücke wird gewiß jede Platte zu liefern im stande sein. Kräftige Arbeiten erlauben wohl deren 300 bis 400 von noch gutem Ansehen. Die Ätzung schleift sich nämlich bei dem vielen Einschwärzen langsam ab und hat im Abdruck das Verschwinden zarterer Partien und das Flauwerden tiefer Schattentöne zur Folge.
Ein »Aufätzen«[5] der Platte bringt nicht selten eine Störung der harmonischen Tonwirkung mit sich.
[5] d. h. Radieren und Ätzen der neuerlich grundierten Platte.
Man hilft sich über diesen Übelstand mittelst der galvanischen Verstählung der Platte hinweg.
Der unendlich feine Überzug von galvanisch auf das Kupfer niedergeschlagenem Eisen schützt die Platte vor allzufrüher Abnützung und gestattet eine Auflage von etwa 2000 Abdrücken.
Auch die Vervielfältigung der ganzen Platte auf galvanoplastischem Wege ist ein gutes Mittel zur Vergrößerung der Auflage von Radierungen; bei dem heutigen Stande der galvanoplastischen Technik sind solche Duplikatplatten von wunderbarer Feinheit und Schärfe.
In seltenen Fällen wird einer Radierung beschieden sein, in geradezu fabrikmäßiger Weise vervielfältigt zu werden. Ich möchte sogar meinen, daß dadurch der innere Wert einer Radierung ein wenig heruntergedrückt wird, denn es wird sich nie vermeiden lassen, daß eine gewisse Partie der Auflage Feinheiten aufweist, die den übrigen Blättern fehlen. Die intime, ich möchte sagen liebevolle Behandlung, die jeder einzelne Abzug verlangt, ist nicht gut vereinbarlich mit Riesenauflagen; da ist der Holzschnitt, die Zinkotypie, überhaupt der Hochdruck am Platze.