Man sieht in Ausstellungen hie und da Radierungen, deren eine Bildkante fast einen Meter erreicht! Sind solche Riesenformate – Bravourarbeiten – künstlerisch gerechtfertigt? Ist der zarte Ton der Druckfarbe geeignet, in solchen Dimensionen zu wirken? Das geheimnisvolle Weben, dem nachzugehen vielleicht den Hauptreiz bei der Betrachtung von Radierungen bildet, erstirbt, wenn man von einem Werk dieser Technik zurücktritt – und zurücktreten muß man, wenn ein Bild einmal 80 × 100 cm mißt. Wenn wir eine Radierung betrachten, dann wollen wir in dem Blatte lesen, im wahrsten Sinne des Wortes, lesen all’ das, was der Künstler mit der Nadel ins Metall geschrieben, lesen, wie ihm dabei war, alle Leidenschaftlichkeit, alle Schaffenslust; und Strich für Strich mitfühlen, was da geschrieben steht von einer in Arbeitsfreude vibrierenden Hand!
Dabei wollen wir aber doch auch nicht den steten Überblick über das Ganze missen; ergeben sich da bei Rücksichtnahme auf den Bau und die Fähigkeiten des menschlichen Auges die Grenzen der Bildgröße nicht von selbst? –
Ein Ölgemälde 30 × 40 cm nennen wir ein »Bildchen«. Eine Radierung von derselben Bildgröße nennen wir ein »großes Blatt« – wie kommt das? Oder wie kommt das, daß eine Radierung in bescheidenen Dimensionen fesselnd, wuchtig und kraftstrotzend wirken kann und eine Riesenradierung daneben schlaff und leer?
Wer sein Material kennt, dessen Schönheit versteht, seine Vorzüge und Schwächen, dem wird es nicht widerfahren, daß er es an Aufgaben zwingt, vor denen es versagen oder doch zum mindesten die Eigenart einbüßen muß.
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Ich habe an früheren Stellen empfohlen, bei der Arbeit auf Kontrastwirkungen Bedacht zu nehmen.
Dem Anfänger muß neben der Schulung der Technik an sich auch diejenige des Auges angelegen sein. Es muß sich an die Wirkungen der verschiedenen Materialmöglichkeiten gewöhnen, soll es imstande sein, scharf zu urteilen und Gutes von Unbrauchbarem – wie doch beides der Werdegang des Radierers notwendig mit sich bringt – zu scheiden. Solches wird bei kontrastreichem Vortrag besser als bei einer mehr flachen Ausdrucksweise erreicht. Daß damit nicht etwa gesagt sein soll, daß eine Radierung unter allen Umständen Kontrastwirkung aufweisen muß, ist wohl einleuchtend; denn eine schleierige Wirkung kann ja gegebenenfalls zur beabsichtigten Stimmung gerade erforderlich sein. Doch das sind Dinge, über die man Bücher schreiben möchte – oder nichts –; Hier hört das Lehren auf, hier tritt das künstlerisch-schöpferische Empfinden in sein unantastbares Recht.
11. Das fertige Blatt.
Endzweck einer geätzten Platte ist und bleibt: den für die Öffentlichkeit bestimmten Abdruck zu liefern. Angesichts dessen ist es auch von hohem Interesse, über die Aufmachung der Blätter im Klaren zu sein, denn ein geschmackvolles Äußeres hebt das Ansehen einer Radierung ganz beträchtlich. Weit entfernt, hier Regeln aufzustellen oder dem Leser gar Formeln an die Hand zu geben, nach denen Blattgröße, Bildgröße und Plattengröße mathematisch festzulegen sind, möchte ich in solchen Fragen mit Vertrauen an den guten Geschmack meiner lieben Leser appellieren, und ich fürchte nicht, fehlzugehen. Ob man nun das Bild klein in die Mitte der Platte setzt, oder die ganze Platte für das Bild benutzt, das hängt vom Geschmack des Radierers ab, auf alle Fälle macht ein bis knapp an die Facette radiertes Bild einen sehr gediegenen Eindruck, da ja das Druckpapier mit seinem eingepreßten Plattenrand eine vornehme Umrahmung dazu abgibt. Ist das Papier selbst ziemlich stark, so wählen wir sein Format recht groß, denn breite Ränder um die Radierung tragen zur edlen Wirkung viel bei. Zartes Druckpapier kann klein gehalten werden, das Bild wird dann auf weißen Karton mit den zwei oberen Ecken aufkaschiert. Japanpapier ist so dünn, daß es einer festen Unterlage bedarf. Aus weißem, starkem Papier oder Karton werden große Blätter geschnitten, damit ein recht breiter Rand um den Druck erhalten werde. Das Papier wird mit Stärkekleister ganz bestrichen (doch nicht allzunaß); dann wird der Japandruck daraufgelegt und mit Filtrierpapier oder einem reinen Handtuch bedeckt. Obendrauf kommt irgend ein starkes Papier; sodann wird mit einem Leinwandballen kräftig gerieben; das Bild haftet dann sehr fest auf der Unterlage. Dieser Vorgang entfällt bei Anwendung der Walzenpresse; dort erfolgt Drucken und Aufkaschieren gleichzeitig. Name oder Zeichen des Radierers kann am unteren Bildrand, natürlich in Spiegelschrift, radiert und geätzt werden. Schließlich kann man einen breiten Rahmen aus Karton schneiden, dessen Öffnung so groß ist, daß der gepreßte Platten-Rand des Abzuges sichtbar bleibt, wenn man das Bild mit Klebestoff hinter diesen Karton mit zwei Ecken befestigt. Eine solche Aufmachung hebt das Ansehen einer Radierung außerordentlich.