»Ich habe,« sagte sie unter Thränen, »kein anderes Gut auf Erden, als Dich und der Gedanke, mich von Dir trennen zu sollen, würde völlig unerträglich für mich sein. Möge daher kommen was da will: ich lasse Dich nicht und will lieber Hunger und Kummer mit Dir ertragen, als getrennt von Dir im Wohlleben schwelgen.«
Vergebens bot William seine ganze kindliche Beredsamkeit auf, sie zu einem andern Entschlusse zu bringen: sie beharrte bei dem einmal gefaßten und befahl ihm, sofort zu dem Capitain Hansen zu gehen, um diesem zu sagen, daß er nicht auf ihn rechnen und sich sobald als möglich einen andern Kajütenwächter suchen möge.
Mit schwerem Herzen und zum ersten Male mit innerm Widerstreben gehorchte William ihr. Nicht mit schnellen Schritten sondern langsam und niedergedrückt, wanderte er den Vorsetzen zu, wo sich die Wohnung des Capitains befand. Er traf diesen nicht zu Hause an, wohl aber seine Frau, die ihm sagte, daß ihr Mann so eben an Bord gegangen sei, weil der Wind sich gedreht habe.
»Da es möglich ist,« fügte die Frau Capitainin hinzu, »daß mein Mann noch heute absegelt, lasse ich mich sogleich an das Schiff fahren, um Abschied von ihm zu nehmen, und wenn Du willst, kannst Du mit mir gehen, um selbst Deine Bestellung an ihn auszurichten.«
William, der noch nie, so weit seine Erinnerung reichte, auf einem großen Schiffe gewesen war, nahm diesen Vorschlag mit Freuden an und ehe noch eine halbe Stunde vergangen war, befanden Beide sich am Bord der Hoffnung, wie das große, prächtige vom Kapitain Hansen befehligte Kauffarteischiff hieß.
Als der Capitain ihn mit seiner Frau an Bord kommen sah, lächelte er ihm freundlich zu und sagte:
»Nun, ich sehe, Du bist von ächtem Schrot und Korn und zauderst nicht, Dein Glück auf dem schönen Elemente zu versuchen. Es ist mir sehr lieb, daß Du da bist; der Wind ist so günstig als möglich und in einer Stunde geht es vorwärts. Es würde mich, da ich fest auf Dich gerechnet, in große Verlegenheit gesetzt haben, wenn Du nicht gekommen wärest.«
»Ach, lieber Herr Capitain,« versetzte William mit unsicherer, fast von Thränen erstickter Stimme, »ich bin nicht hier, um mit Ihnen in See zu gehen, sondern um Ihnen zu sagen, daß meine Mutter mir mit Bestimmtheit die Erlaubniß verweigert hat, ein Seemann zu werden.«
»Ei, da mußt Du, sofern Du wirklich Neigung zum Seeleben hast, es ihr über den Kopf nehmen,« antwortete ihm Hansen. »Die Mütter sind gar zaghafte, ängstliche Geschöpfe,« fügte er hinzu. »Mit der meinigen ging es mir nicht besser; die hätte weit lieber einen Federfuchser aus mir gemacht, als einen Seemann; ich aber schlug ihr ein Schnippchen und ehe sie es sich versah, schwamm ich auf dem Meere. Als ich einmal fort war, mußte sie sich schon trösten und beruhigen, und das wird auch die Deinige thun, wenn die Sache einmal nicht mehr zu ändern ist. Nicht wahr, Du bleibst bei mir?« schloß er seine Rede, indem er William die Hand reichte.
»Ach, dürfte ich das doch, ohne eine Sünde zu begehen,« sagte der arme Knabe, dem die hellen Thränen über die Wangen flossen, »aber der liebe Gott würde es mir, denke ich, nie vergeben, wenn ich meine gute, liebevolle Mutter durch solchen Ungehorsam betrübte; es könnte überdieß ihr Tod sein, wenn sie nicht wüßte, wo ich geblieben wäre.«