»Dafür dürfte leicht Rath geschafft werden,« versetzte der Capitain. »Meine Frau kehrt an's Land zurück und die könnte Deiner Mutter schon Bescheid sagen. Wo wohnt sie?«

William nannte ihm die Gasse und die Hausnummer, bestand aber trotz dem darauf, daß er mit der Frau Capitainin an's Land zurückkehren wolle.

»Du kannst Dir das noch ein Weilchen überlegen,« sagte Hansen nach einem kurzen Nachdenken: »das Schiff segelt noch nicht ab und Du wirst noch immer vor Dunkelwerden an's Land kommen können. Komm mit in die Kajüte und verzehre ein Waizenbrod mit mir; dabei kannst Du überlegen, was Du zu thun hast.«

William, der wirklich mit sich selbst kämpfte, folgte dieser Einladung und Capitain Hansen bewirthete seinen jungen Gast auf das Beste. Er bot ihm auch ein Gläschen Cognac an, das William, der nie dergleichen gekostet hatte, aber verschmähte. Hansen ließ darauf eine Flasche süßen Weins, Mallaga, bringen und drang William ein Gläschen davon auf; es mundete ihm, da der Wein sehr süß und angenehm war. Er kannte die Gefahr eines so feurigen Getränkes nicht und trank in aller Unschuld, schon halb von dem ersten Glase berauscht, ein zweites, vielleicht gar ein drittes; denn schon wußte der arme Knabe nicht mehr, was er that, und bevor noch ein Viertelstündchen vergangen war, lag er in einem so tiefen Schlafe auf dem Sopha in der Kajüte des Capitains, daß die Welt hätte untergehen können, ohne daß er es bemerkt haben würde.

»Du willst ihn also mit Gewalt und wider seinen Willen mitnehmen?« fragte die Frau des Capitains, einen mitleidigen Blick auf den armen Schlafenden wendend, ihren Mann.

»Gewiß will ich das,« versetzte Hansen mit einem häßlichen Lachen; »kam er mir doch eben recht und ist mir völlig unentbehrlich. Du weißt, welche Mühe ich mir gegeben habe, einen Schiffsjungen zu erhalten, nachdem der frühere, aus Amerika mitgebrachte, mir hier entlaufen ist, und jetzt sollte ich die gute Gelegenheit unbenutzt lassen, mir das durchaus nothwendige Subjekt zu verschaffen?«

»Was wird aber die Mutter des armen Knaben sagen? wie wird sie sich ängstigen und grämen!« wandte die gute Frau ein. »Ich glaube, daß ich vor Angst stürbe, wenn mir das begegnete,« fügte sie hinzu; »Du solltest ihn wecken und mit mir an's Land gehen lassen!«

»Daß ich ein Narr wäre!« rief Hansen unwillig. »Wollte man auf Weibergeschwätz hören und auf Weiberthränen sehen, so würde man zu Nichts in der Welt kommen. Laß mich mit Deinen Vorstellungen in Ruhe und kehre Du in Gottesnamen allein an das Land zurück. In einer Stunde sind wir aus dem Hafen und, wenn der Wind so bleibt wie er jetzt ist, schon über Nacht in See. In dieser Jahreszeit hat man keine Stunde zu verlieren; der Dezember ist nahe und wenn ich mich nicht spute, friert mir die Hoffnung gar noch hier ein.«

Die Frau, welche ihren Mann genau kannte und recht gut wußte, daß man durch Vorstellungen nichts über seinen starren, bösen Sinn gewann, wandte ihr Auge seufzend von dem armen Schläfer ab und schickte sich an, das Schiff ohne ihn zu verlassen, was sie that, nachdem sie einen kurzen Abschied von ihrem Manne genommen hatte.

Die Sache war die, daß Capitain Hansen in dem Rufe eines bösen Mannes und argen Tyrannen stand, weßhalb es ihm allemal schwer fiel, sein Schiff zu bemannen, am allerschwersten aber, einen Kajütenwächter zu finden, weil diese armen Unglücklichen, in seiner unmittelbaren Nähe lebend, es schlimmer als die wirklichen Matrosen hatten, die, da sie bereits Männer waren, ihm bei vorkommenden Gelegenheiten die Stirn boten.