»Daran habe ich wahrhaftig nicht gedacht! Du bist ja ohne alle weitere Kleidung, als die, welche Du am Leibe hattest, an Bord gekommen. Nun,« fügte er freundlicher hinzu, »dem soll abgeholfen werden und zwar gleich. Für's Erste will ich Dir eins von meinen Hemden geben, damit Du wechseln und das waschen und ausbessern kannst, was Du bis jetzt getragen, und Franz, der, wie ich gehört habe, einem Schneider aus der Lehre gelaufen ist, um ein Seemann zu werden, – woran er nach meinem Bedünken sehr gut that – Franz soll Dir sogleich von meinem abgesetzten Zeuge einen andern Anzug machen, damit Du nicht länger wie eine Vogelscheuche unter uns umher gehst.«

Gesagt, gethan! Capitain Hansen war gewohnt, das, was er wollte, schnell ins Werk gerichtet zu sehen, und so vergingen nicht zwei Tage, als William schon seinen neuen, netten Anzug hatte. In seinem ganzen Leben hatte er sich noch nicht so über eine neue Kleidung gefreut, als über diese; er kam sich so verändert darin vor, daß er sich einige Augenblicke mit Wohlgefallen in dem sonst sorgfältig mit den Blicken vermiedenen Spiegel betrachtete. Vor allen Dingen aber erfreute ihn das reine Hemd und er konnte es nicht genug befühlen und betrachten. So lernen wir erst durch die Erfahrung den hohen Werth mancher Güter kennen, die wir, eben weil sie uns bisher nicht gefehlt haben, weil wir glaubten, sie dürften uns nicht fehlen, nicht gehörig zu schätzen wußten und sie ohne Dank gegen Gott und Menschen hinnahmen. Auch unser William, so gut und dankbar er im Ganzen war, hatte nie daran gedacht, seiner guten Mutter dafür zu danken, daß sie stets für seine Kleidung und Wäsche eine so große Sorgfalt gehabt hatte; jetzt aber dankte er ihr aus voller Seele dafür und Thränen der Rührung traten ihm dabei in die Augen.

Fünftes Kapitel.

Um von Europa nach Asien zu kommen, muß man den ganzen atlantischen Ocean durchschiffen und dann von diesem, indem man um das äußerste südliche Vorgebirge Afrikas, das sogenannte Cap, biegt, in den großen indischen Ocean übergehen. Am Cap oder, wie es auch genannt wird, dem Vorgebirge der guten Hoffnung, mußte man anlegen, um Wasser und Lebensmittel einzunehmen, weil die Vorräthe, die man von Hamburg mitgenommen, nicht weiter reichen wollten.

Wie wohl that es unserm jungen Seemanne, als er, nachdem er so lange nur das bewegliche Element des Wassers unter sich gehabt hatte, endlich den festen Boden wieder betrat! Wie lange hatte er kein grünes Blatt gesehen, keinen Vogelgesang gehört, in kein anderes Menschen-Antlitz geschaut, als in das der Matrosen und des Capitains, die die Reise mit ihm gemacht! Wie ein junges Füllen, das nach langen Wintertagen aus dem Stalle hervorgeholt, zuerst die grüne Weide wieder betritt, sprang er am Ufer umher und jauchzte laut auf vor Freude, als er den ersten, grünen Baum wieder erblickte. Ueberdies bot dieser ihm einen ganz neuen, überraschenden Anblick dar, denn es war eine Palme, die er zwar bereits in Abbildungen, aber noch nie in der Natur gesehen hatte. Er lief in vollen Sprüngen auf den herrlichen Baum zu und umfaßte den knotigen Stamm desselben mit seinen beiden Armen, wie er sonst in der Freude seines Herzens oft bei seiner lieben Mutter gethan hatte. Dabei liefen ihm die hellen Thränen über die Wangen; sie flossen diesmal aber nicht dem Schmerze, sondern dem Entzücken.

Nachdem sich dieses einigermaßen gelegt hatte, sah er sich weiter um und gewahrte in einiger Entfernung eine Gruppe von Bäumen, deren Kronen ziemlich rund, wie die der in seiner Vaterstadt gesehenen Kugel-Akazien, waren. Er eilte darauf zu und wurde schon aus der Ferne durch den lieblichen, fast betäubenden Duft der schneeweißen Blüten auf die Vermuthung gebracht, daß er Orangenbäume vor sich habe. Als er näher kam, sah er an den goldgelben Früchten, womit diese Bäume bedeckt waren, daß er sich in seiner Meinung nicht geirrt habe. Nicht nur die Zweige waren mit Blüten und reifen und halbreifen duftigen Früchten bedeckt, sondern sie lagen auch in Massen abgefallen am Boden, wie bei uns Aepfel und Birnen, wenn der Sturm die Fruchtbäume im Herbste geschüttelt hat. Viele davon waren noch frisch und gut, andere aber schon verfault, weil sich Keiner darum zu bekümmern schien, sie aufzulesen. Unser William hatte zwar großen Appetit, seinen brennenden Durst durch diese eben so duftigen als saftigen Früchte zu löschen; da ihm aber seine Mutter die größeste Ehrfurcht vor dem Eigenthume Anderer eingeflößt hatte, wagte er es doch nicht, sich zu bücken und einige von den herrlichen, am Boden liegenden Orangen aufzuheben, bis andere Matrosen von dem Schiffe sich zu ihm gesellten und, indem sie sich die Taschen und Mützen mit Orangen füllten, ihm sagten: daß es hier Jedem erlaubt sei, so viele Früchte zu nehmen, als ihm beliebe, indem sie wild wächsen und Allen gleichsam zugehörten. Sie konnten das wissen, da sie schon mehrere Male das Vorgebirge der guten Hoffnung besucht hatten und hier eben so gut Bescheid wußten, wie in ihrer Heimath. Er ließ sich das nicht zwei Mal sagen und erquickte sich jetzt auch an den duftigen Früchten.

»Komm nur weiter mit uns,« sagte jetzt Jakob, ein bereits ziemlich alter Matrose, dessen stark gebräuntes Gesicht verrieth, daß er schon lange zur See gefahren; »komm nur, wir wollen Dir etwas noch Besseres zeigen, als diese süßen Orangen. In dieser Gegend wächst eine Rebe, deren Früchte nicht Ihresgleichen in der ganzen übrigen Welt hat. Der davon gewonnene Wein wird, nach dem Weinberge, von dem man ihn erzielt, Constanzia genannt und so theuer in Europa verkauft wie kein anderer Wein; die Trauben aber sind das Köstlichste, was der Mensch nur genießen kann.«

»Gehört denn auch dieser Weinberg Niemanden an und darf man auch von ihm Trauben pflücken, ohne Jemanden nahe zu treten?« fragte William, als man bei demselben angelangt war.

»Das nun wohl nicht,« versetzte Jakob, durch diese unerwartete Frage des Knaben etwas in Verlegenheit gesetzt; »vielmehr würde der Besitzer, ein Holländer, es sehr übel vermerken, wenn er uns dabei ertappte, daß wir von seinen Trauben nähmen, aus denen er einen so großen Gewinn zu ziehen versteht; wer aber würde sich wohl daran kehren, wo es etwas so Gutes zu erhaschen gibt?« fügte er hinzu.

»Ich werde mich wohl daran kehren,« versetzte William; »fern sei es von mir, mir das Geringste mit Unrecht anzueignen. So hat meine brave Mutter es mir gelehrt und dabei will ich, so lange ich lebe, bleiben.«