»Thue das, mein Sohn!« ließ sich jetzt plötzlich eine Stimme vernehmen, die, Allen ganz unerwartet, hinter einer dichten Hecke hervorkam, und zu gleicher Zeit erhob sich ein menschliches Antlitz hinter derselben. Die Andern, welche sich schuldig fühlten – sie hatten ja stehlen wollen – ergriffen erschrocken die Flucht; unser William, dessen Gewissen völlig rein war, blieb aber stehen und sah den alten Mann, der ihr Gespräch belauscht hatte, furchtlos an.
»Ich habe Alles gehört, mein Sohn,« sagte der Besitzer des Weinbergs – denn er war es selbst – »und freue mich, die Bekanntschaft eines so braven jungen Menschen gemacht zu haben. Bleibe bei Deinen guten Grundsätzen und es wird Dir stets wohl ergehen. Warte aber einen Augenblick: ich will Dich für Deine Redlichkeit belohnen, indem ich Dir die sonst fest verschlossen gehaltene Pforte meines Weinbergs öffne und Dich in denselben führe, damit Du Dich nach Herzenslust an meinen guten Trauben sättigest; denn für einen so braven, redlichen Burschen habe ich immer noch einige davon übrig. Den andern aber würde es schlecht bekommen sein, wenn sie, über den Zaun steigend, auf anderm Wege in meinen Weinberg gedrungen wären. Ich muß auf solche ungeladene Gäste gefaßt sein, da Jeder, der hier landet, von meinen weitberühmten Trauben naschen will, und würde wohl schwerlich eine einzige davon in die Kelter bringen, wenn ich nicht die gehörige Vorsicht angewendet hätte. Zu dem Ende ließ ich mir Fußangeln aus Europa herüberkommen und legte sie dicht an der Hecke rund um den Weinberg. Von Zeit zu Zeit habe ich Warnungstafeln aufgestellt, auf denen in allen lebenden Sprachen zu lesen ist, welches Unheil die häßlichen Näscher in meinem Weinberge erwartet; denn ungewarnt sollten selbst diese nicht in ihr Unglück gehen.«
Als er diese Worte geendet hatte, öffnete er mit einem schweren Schlüssel, den er bei sich trug, die große und hohe eiserne Pforte und lud unsern William zum Eintritt, zugleich aber auch zum Genusse seiner herrlichen Trauben ein, wobei er ihm seine Lebensschicksale erzählte, die seltsam genug waren. Als ein armer Knabe war er aus Holland, seinem Geburtslande, auf einem großen Handelsschiffe nach dem Cap gekommen und Krankheits halber daselbst zurückgeblieben. Ein Deutscher nahm sich des Verlassenen an, weßhalb er auch die deutsche Sprache vollkommen gut sprach und verstand. Durch Fleiß und Redlichkeit erwarb er sich im Laufe der Jahre einiges Vermögen, kaufte darauf den Weinberg, dessen Werth man damals noch nicht kannte, für eine geringe Summe an, kultivirte die üppig wachsenden Reben desselben, grub und düngte den sehr steinigten, trockenen Boden gehörig und sah sich nach einigen Jahren in dem Besitze eines Weinbergs, um den jeder ihn beneidete und der ihn nach und nach durch seinen Ertrag zum reichen Manne machte.
Dieses Alles erzählte der freundliche Greis unserm William, während dieser sich, auf seine Einladung, an Trauben sättigte, von deren Köstlichkeit und Würze man in Europa keinen Begriff haben kann. Als William nicht mehr zu essen vermochte, füllte er ihm Mütze, Taschen und sein Sacktuch auch noch mit Trauben an, ermahnte ihn dringend, auch ferner stets auf Gottes Wegen zu gehen, und entließ ihn endlich mit seinem Segen.
Dieses Abentheuer war das angenehmste, das unser junger Freund noch in seinem, freilich kurzen, Leben erlebt hatte und selbst noch als Greis erinnerte er sich desselben mit großer Freude, indem er zugleich behauptete, ihm habe nie wieder etwas so geschmeckt, wie diese ihm mit so großer Liebe und Freundlichkeit geschenkten Trauben.
Als er endlich zu seinen, ihn in einiger Entfernung erwartenden Genossen zurückkehrte, erzählte er ihnen, was ihm begegnet war und vertheilte die ihm mitgegebenen Trauben an sie.
»Wetter!« rief der alte Jakob, als William ihm von den von dem Holländer gelegten Fußangeln erzählte. »Da hätten wir schön ankommen und uns vielleicht für unsere ganze Lebenszeit unglücklich machen können; denn mit den Dingern ist nicht zu spassen und wer zufällig darauf tritt, wird leicht zum Krüppel, weil sie tief in den Fuß eindringen und oft unheilbare Wunden zurücklassen.«
Man hatte wirklich Gott für die Abwendung einer so großen Gefahr zu danken; unser William ging für die Mittheilung seiner auf rechtlichem Wege erworbenen Trauben auch nicht leer an Dank aus und Alle waren höchlichst zufrieden.
Es war bereits ziemlich spät, als man von diesem, mit Erlaubniß des Capitains unternommenen Ausfluge zurückkehrte und Capitain Hansen donnerte und fluchte schon über das allzulange Ausbleiben. Er besänftigte sich indessen, als er William, den er schon gar nicht mehr entbehren konnte, mit zurückkehren sah. Er hatte sich nämlich selbst Vorwürfe darüber gemacht, daß er diesem erlaubt hatte, mit den Andern ans Land zu gehen, da er fürchten mußte, daß der auf so hinterlistige Weise Angeworbene ihm entfliehen und Schutz bei der Behörde gegen ihn suchen würde; er war daher herzlich froh, als er ihn wiederkommen sah. An dergleichen dachte aber Williams redliche, arglose Seele nicht einmal; auch hatte er sich jetzt bereits an das Seeleben gewöhnt, um so mehr, da Capitain Hansen ihn wider seine sonstige Gewohnheit ziemlich gut behandelte.
Für einen jungen, strebsamen Menschen, der sich gern in der Welt umsieht und auf Alles merkt, muß eine Reise in so entfernte Gegenden auch immer einen großen Reiz haben. Jeden Tag, ja jede Stunde, gab es da etwas Neues und die Quelle der Belehrung versiegte keinen Augenblick. Bald war es ein Delphin, der neben dem Schiffe herschwamm, bald ein fliegender Fisch, der sich in seinem silbernen Schuppenkleide aus der grünen Tiefe emporschnellte; bald ein gräulicher Hayfisch, der seinen gestachelten Rachen weit öffnete, um seine Beute zu erhaschen, der seine Aufmerksamkeit und Wißbegierde auf sich zog. Bald sah man in großer Entfernung graue, gezackte Nebelwölkchen am Horizonte aufsteigen und die erfahrenen Seeleute erklärten ihm, daß es die Berge der entfernten Küste wären, die er erblickte, bald ließ sich ein Wandervogel, ermüdet von der weiten Reise über das unendliche Meer, auf die Spitze des Mastes nieder, um auszuruhen und wurde mit lautem Jubel von der Mannschaft begrüßt; bald warf man, bei Windstille, Netze und Angelhacken aus, um die Bewohner der kühlen Tiefe zum leckern Mahle zu fangen; bald schwammen die Trümmer gescheiterter Schiffe an ihnen vorüber und gaben reichlichen Stoff zu Erzählungen von Schiffbrüchen und andern Unfällen zur See; bald endlich theilte der alte Jakob, der ein lebendiges Magazin von Sagen und Mährchen war, der aufmerksamen ihm zuhörenden Mannschaft die allerschönsten Sagen mit; kurz, es fehlte weder an Unterhaltung, noch an Abwechslung an Bord, und so gefiel sich endlich unser William gar sehr in seinen neuen Verhältnissen; ja, hätte der Gedanke an den großen Kummer, den seine gute Mutter erdulden würde, seine Heiterkeit nicht oft getrübt, so würde er sich vielleicht vollkommen glücklich gefühlt haben.