Sechstes Kapitel.
Nach dem ersten glücklich abgelaufenen Versuche, den der Capitain mit unserm William gemacht hatte, stand er nicht an, diesem ebensowohl als der übrigen Mannschaft die Erlaubniß zu ertheilen, die sogenannte Capstadt zu besuchen. Hier bekam unser junger Freund viel Merkwürdiges zu sehen, unter andern sah er dort auch die Hottentotten, wie die Holländer diese, an der Südspitze Afrika's lebende Nation nennen, die sich selbst Quanquis nennt. Die gelbbraune Farbe derselben, ihr der Wolle ähnliches, schwarzes Haar, ihre großen Mäuler und eingedrückten Nasen, mehr aber noch ihre höchst seltsame Sprache, die mehr einem Schnalzen, denn einer menschlichen Sprache glich, waren für unsern Neuling so auffallende Dinge, daß er sich nicht satt daran sehen konnte und oft vor Verwunderung außer sich war. Von ihrem Schmutze, der selbst den der Grönländer noch übersteigt, von ihren höchst seltsamen Sitten und Gebräuchen, wußte man ihm viel zu erzählen und er hörte dem Erzähler mit der gespanntesten Aufmerksamkeit zu. Dieses Volk ist übrigens gutmüthig und friedlich, mit Ausnahme eines Stammes, den man die Buschmänner nennt, weil sie in einer waldigen Gegend wohnen. Diese sind tückisch, räuberisch und oft sogar grausam; sie machen auf die europäischen Ansiedler oder Colonisten förmlich Jagd, wie wir auf wilde Thiere, und wehe dem, der in ihre Hände fällt!
Sie treiben durchaus keinen Ackerbau, sondern leben fast nur von der Jagd und dem Raube; sie berauben aber nicht blos die Europäer, die sie mit Recht als ihre Feinde ansehen, sondern die ihnen verwandten Stämme der Hottentotten und Kaffern, wie eine andere, gleichfalls in der Nähe der Südspitze von Afrika wohnende Nation heißt. Wie die Thiere, denken die Buschmänner nicht an den folgenden Tag, sorgen auch niemals für die Vermehrung ihres Viehstandes. So wie sie ein Stück Vieh geraubt und in Sicherheit gebracht haben, schlachten sie es und verzehren es, größtentheils roh, auf der Stelle; sie haben so wenig Eckel, daß sie selbst die Eingeweide zur Nahrung nicht einmal verschmähen. Haben sie sich recht satt gegessen, so legen sie sich hin und schlafen, bis der Hunger sie wieder weckt und zu neuen Raubzügen anspornt. Können sie nichts erhaschen und quält der Hunger sie allzusehr, so schnallen sie sich mit breiten Lederstreifen den Magen und Unterleib ein und sollen dann sehr lange hungern können.
Sie sind überaus wild, grausam und rachsüchtig und vergiften die Spitzen ihrer Pfeile mit dem Safte von nur ihnen bekannten giftigen Pflanzen, so daß jede Wunde, die sie damit beibringen, sogleich tödtlich wird.
Dieser Buschmänner werden aber immer weniger, da die Colonisten genöthigt sind, Militär gegen sie auszusenden und gegen sie eine Art von Vertilgungskrieg zu führen. Wie schrecklich! daß Mensch gegen Mensch auf diese Weise verfährt.
Von allen diesen, für unsern William fast unglaublichen Dingen hörte er in der Capstadt erzählen und konnte nicht satt werden, sich davon erzählen zu lassen. Ja, er trug sogar kein geringes, wenn gleich mit Furcht gemischtes Verlangen, einmal einen Buschmann von Angesicht zu Angesicht zu sehen, was ihm freilich wohl sehr übel bekommen seyn würde.
Endlich hatte Capitain Hansen die nöthigen Vorräthe eingenommen und wartete nur noch auf einen günstigen Wind, um wieder unter Segel und seinem Bestimmungsorte, der, wie schon gesagt, die den Holländern gehörige Insel Java war, entgegen zu gehen.
Dieser mit so großer Sehnsucht erwartete günstige Wind stellte sich endlich ein und die Hoffnung verließ mit geblähten Segeln den Hafen. Bald schwamm das Schiff jetzt im großen indischen Weltmeere und steuerte den sogenannten Sunda-Inseln, wovon Java eine ist, zu; die drei andern zu dieser großen Inselgruppe gehörigen Inseln heißen Borneo, Sumatra und Celebes; außer diesen vier großen Sunda-Inseln gibt es noch eine Menge kleinerer, mit deren Aufzählung ich Euch aber nicht belästigen will.
Die Fruchtbarkeit dieser Inseln ist außerordentlich groß und der Handel derselben beträchtlich. Die edelsten und von den Europäern am meisten gesuchten Produkte wachsen dort und werden durch die Handelsschiffe nach allen bewohnten Theilen der Erde ausgeführt. Aus Java, besonders aus der Hauptstadt Batavia, erhält man Reis, Kaffee, Tabak, etwas Indigo, Baumwolle und Gewürze. Hier, wo so viele treffliche und nützliche Produkte wachsen, findet man aber auch den so vielbesprochenen Giftbaum, den Bohan-Uzas, von dem ich Euch, da Ihr wohl schon oft davon gehört haben werdet, etwas Näheres mittheilen will. Er wächst in waldigen, nicht zu hoch gelegenen Gegenden auf den Sunda- und Philippinischen Inseln, die in der Nähe der erstern liegen, besonders aber auf Java. Er wird an hundert Fuß oder fünfzig Ellen hoch und hat einen geraden Stamm, mit knochenartigen Auswüchsen. Die Blüten sind gelb mit grüner Blütendecke; die Blätter oval-länglich mit feinen Härchen besetzt. Man hat diesem, allerdings überaus giftigen Baum doch weit mehr Böses nachgesagt, als er verdient, wie z. B. daß darüber hinfliegende Vögel, von den Ausdünstungen des Uzas berührt, sogleich todt aus der Luft zur Erde niederfielen und Menschen und andere Säugethiere, die sich in seine Nähe wagten, dasselbe Schicksal erlitten; ja, man nannte ein Thal auf Java, wo ein solcher Bohan-Uzas stand, sogar das Thal des Todes, weil von den giftigen Ausdünstungen desselben sogleich alles Leben ersterben sollte. Dieses alles gehört nicht der Wahrheit, sondern allein der Fabel an. Der Baum ist allerdings sehr giftig; aber die Wilden gewinnen das Gift für ihre tödtlichen Pfeile allein dadurch, daß sie den Stamm des Bohan-Uzas mit einem Messer oder scharfen Steine ritzen, woraus ein milchiger Saft aus der Rinde hervorquillt, der schnell zu einem Gummi-Harze gerinnt. Diesen Saft vermischen die noch wilden Javanensen mit andern giftigen Substanzen und tauchen ihre Pfeilspitzen hinein, worauf jede damit gemachte Wunde auf der Stelle tödtlich wird. Der giftreiche Uzas hat übrigens ein sehr schönes Ansehen und ist ein kräftiger Baum mit einer wohlgewachsenen, herrlichen Krone. Er trägt eine steinigte Frucht. So viel von dem Uzas.
Auf Java, und überhaupt auf den Sunda-Inseln, besonders auf Borneo, findet man auch das dem Menschen so ähnliche Thier, den Urang-Utang, den die Ureinwohner für einen wirklichen Menschen halten, der aus Trägheit weder sprechen noch arbeiten wolle; man nennt den Urang-Utang auch den Waldmenschen. Er geht, wie Euch schon bekannt sein wird, aufrecht und hat oft einen Knittel als Spazierstock oder als Waffe in einer seiner Vorderhände; denn daß die Affen vier Hände haben, werdet Ihr schon wissen. Wenn er angegriffen wird, vertheidigt er sich wacker und soll ein gefährlicher Feind sein, wenn man ihm allein begegnet.