Unser William würde, wenn er nach Java gekommen wäre, dieses Alles und noch viel Merkwürdiges gesehen haben; allein das Schicksal wollte es anders und er sah diese Insel nur aus weiter Ferne, ohne sie je zu erreichen, wie ich Euch nachstehend in dieser wahrhaften Geschichte erzählen werde.
Wind und Wetter blieben zu Anfang der Fahrt vom Cap der guten Hoffnung ins indische Weltmeer hinein durchaus günstig, und wie ein großer Vogel mit seinen weitausgebreiteten Schwingen die blaue Luft durchschneidet, so durchschnitt die mit schönen weißen Segeln bespannte Hoffnung den Ocean. Stolz und herrlich mußte sich das Schiff ausnehmen, indem es so sicher durch die bewegte Wasserfläche hinglitt. Wie lustig flatterten nicht die hochrothen Wimpel, die schöne Flagge mit dem königlichen Wappen im Winde! Wie glänzte und schimmerte Alles am Bord, wo eine wahrhaft musterhafte Reinlichkeit und Ordnung herrschte; denn das mußte man dem Capitain Hansen, trotz seiner sonstigen üblen Eigenschaften, lassen, er war ein ganzer Seemann und hielt in allen Dingen auf die strengste Ordnung; nicht ein einziges Endchen Tau durfte am unrechten Orte umherliegen und die erste Putzdame konnte nicht eifersüchtiger über ihren Staat wachen, als unser Capitain über die Sauberkeit seiner schönen Hoffnung.
Endlich an einem Morgen, als es eben Tag zu werden begann, rief der Matrose, der oben im Mastkorbe saß, mit lauter und freudiger Stimme »Land!« aufs Verdeck hinunter. Der Capitain kam auf diesen Ruf schnell aus der Kajüte hervor und befahl William, der ihm gefolgt war, das prächtige, weitsehende Fernrohr zu bringen, damit er untersuchen könne, ob der sich im Nord-Ost am fernen Rande des Horizontes zeigende, graue Nebelstreif wirklich Land, und, wie er vermuthen durfte, die Küste von Java sei. Er richtete lange das Fernrohr, das er auf Williams Schulter gelegt hatte, auf den grauen Streif; denn die Entfernung war noch so groß, daß man nur mit Mühe unterscheiden konnte, ob man wirklich Land oder nur eine Wolkenschicht vor sich habe. So wie aber die Sonne etwas höher gestiegen war, unterschied er mit dem Fernrohr deutlich die hohen Bergspitzen Java's und sagte jetzt freudig: »Es ist wirklich Land und bald werden wir am Ziele sein.«
Dieser Ausspruch erfreute die Herzen Aller, die ihn hörten. Wenn man so lange auf der See geschwommen und nichts als Himmel über, als Wasser unter sich gehabt hat, dann sehnt man sich endlich doch wohl nach einem festen, grünen Boden unter seinen Füßen, und wenn man so lange nichts als gepöckeltes Fleisch und trockene Hülsenfrüchte, wenn es hoch kömmt, eine Mehlspeise oder Fische gegessen hat, nach frischem Fleische und grünem, saftigem Gemüße.
Es herrschte also über diesen Ausspruch des Capitains große Freude am Bord: wußte man doch, daß man sich auf ihn verlassen konnte, besonders, da es nicht das erste Mal war, daß er diese Reise machte. Eine so glückliche, ungetrübte Fahrt, wie diese, hatte man noch nicht gemacht; so behauptete selbst der älteste Matrose am Bord, der alte Jakob, der von seinem fünfzehnten, bis zu seinem fünfzigsten Jahre fast immer auf der See gewesen war.
Indeß sollte die große Freude der Mannschaft und des Capitains bald getrübt werden. Die bisher so ruhige, gleichsam spiegelglatte See fing an, sich zu kräuseln; es tauchten immer größere Wellen, als ob das Meer unten koche, aus der Tiefe empor; zwar verspürte man auf dem Schiffe noch keinen Wind, vielmehr schwieg dieser gänzlich, als wolle eine Windstille eintreten; allein das Meer braus'te hohl und gab ein Getöse von sich, wie wenn in weiter Ferne der Donner rollt.
Die Mannschaft kannte so etwas und Alles wurde still, als sich diese Boten eines herannahenden Sturmes kund thaten. Je größer die vorhergehende Stille gewesen war, je mehr hatte man von jenem zu fürchten. Ein anderes, Allen wohlbekanntes übles Zeichen waren die über das Schiff hinfliegenden großen Wandervögel, die ein klägliches Geschrei in der Luft erhoben und statt sich zum Ausruhen auf die Masten und Segelstangen nieder zu lassen, im schnellsten Fluge vorüberschossen. Das thaten sie, um wo möglich noch vor dem ausbrechenden Orkane das Festland zu erreichen.
Die See färbte sich immer dunkler; die Wellen wurden mit jeder Stunde größer und begränzten sich mit schneeweißen Rändern von Schaum. Der Capitain verließ das Verdeck nicht und schaute sich mit ernster Miene und ohne ein Wort zu sagen nach allen Seiten um, ob er nicht noch andere Zeichen des nahenden Sturmes entdecke. Endlich erblickte er, gerade in der Richtung, von welcher der Wind herkam, ein kleines dunkles Wölkchen am Himmel, und sich an den Steuermann wendend, sagte er:
»Jetzt kommt es! Aufgepaßt!«
Er ertheilte dann der Mannschaft die nöthigen Befehle, um auf das Kommende bereit zu sein, ließ einen Theil der Segel einziehen und befahl die größeste Vor- und Umsicht.