»Das Wetter wird wahrscheinlich sehr schlimm werden und wir haben uns zu früh über die glückliche Fahrt gefreut,« sagte er mit bedenklicher Miene. »Von Glück werden wir zu sagen haben, wenn wir mit leidlichem Schaden davon kommen. Habt ihr das dunkle Wölkchen da unten,« – er zeigte gen Westen mit der Hand – »wohl gesehen?« wandte er sich an den neben ihm stehenden Untersteuermann; »das bedeutet nichts Gutes und wird schnell genug, Tod und Verderben in seinem Schooße tragend, heraufkommen. Dazu wird es bereits Abend; es darf Keiner diese Nacht zu Bett gehen, denn wenn uns das Unwetter im Schlafe überraschte, könnte das Unheil groß werden. Daher aufgepaßt! sage ich nochmals und keiner verlasse seinen Posten!«

William, der neben dem Capitain stand und jedes seiner Worte vernahm, hatte denn doch ganz seltsame Empfindungen in seiner Brust, als er von Sturm und Unwetter reden hörte und, wie es sehr wahrscheinlich war, sie selbst mitbestehen sollte. Er hatte bereits oft von Schiffbrüchen und andern Unfällen zur See gehört oder gelesen; das aber erfüllte ihn nur mit einem gewissermaßen angenehmen Grausen und stachelte blos seine Neugierde auf den Ausgang der Sache; jetzt aber, wo er selbst daran und eine mitspielende Person in dem großen Drama sein sollte, war ihm ganz anders zu Muthe und trotz der drückenden Schwüle des Abends rieselte ihm von Zeit zu Zeit ein kalter Schauder durch die Glieder.

Indeß begriff er doch noch nicht, wie das bezeichnete kleine dunkle Wölkchen am fernsten Rande des westlichen Horizontes so verderblich für Schiff und Mannschaft werden könne; war es doch noch so fern und kaum wenig größer, als daß er es mit seinen beiden ausgebreiteten Händen hätte bedecken können. Er wagte es mit einiger Schüchternheit, seine bescheidenen Zweifel nicht gegen den Capitain selbst, wohl aber gegen den ihm befreundeten Obersteuermann zu äußern; dieser aber belehrte ihn eines Bessern, indem er zu ihm sagte:

»Die Wolke da drüben scheint nur klein, ist es aber nicht. Nur die außerordentlich große Entfernung und der große unermeßliche Raum, in dem sie schwimmt, läßt sie unsern Blicken so unbedeutend erscheinen. Du wirst schon selbst bemerkt haben, lieber William, wie sehr die Entfernung zur scheinbaren Verkleinerung der Gegenstände beiträgt. Wenn man z. B. auf einem Berge, auf einem hohen Thurme oder auch nur auf dem Dache eines Hauses steht, erscheinen die unten wandelnden Menschen und Thiere uns in fast zwerghafter Gestalt. Eben so ist es mit den Gegenständen, die wir am Horizont erblicken. Nimm nur einmal die Sonne oder den Mond, deren Scheibe man fast mit der Hand bedecken kann, und doch ist die erstere 113 Mal großer als unsere Erde, obgleich diese eine Masse von 2659 Millionen 310190 kubischen Meilen hat; eine kubische Meile ist aber eine, die eine Meile lang, breit und hoch ist. Bedenke, wie groß also die um 113 Mal so große Sonne sein muß und doch macht die außerordentliche Entfernung, daß sie uns nicht größer erscheint, wie der innere Theil eines mäßigen Tellers. Hiernach wirst Du schließen können, daß auch jene, jetzt so klein scheinende Wolke sehr groß sei und uns, wenn sie sich über uns ausbreiten sollte, Gefahr und Verderben bringen könnte. Alles wird für uns davon abhängen, ob der Wind in seiner jetzigen Richtung bleibt, oder davon abspringt; ist das letztere der Fall, so dürfte die Gefahr minder groß werden.«

William, der dem unterrichteten Manne mit der gespanntesten Aufmerksamkeit zugehört hatte, dankte für die ihm ertheilte Belehrung und richtete jetzt auch seine Blicke fast unausgesetzt auf die kleine dunkle Wolke.

Siebentes Kapitel.

Der Wind stand indeß noch immer aus Westen und die Wolke, von ihm getrieben, kam immer näher und näher; so wie sie aber heraneilte, wurde sie größer. Noch hohler als früher schon ging die See; die Wellen schlugen gegen die Seitenwände des Schiffs, als wollten sie sie zerschellen; der Schaum spritzte, so wie der Kiel die Wogen durchschnitt, so hoch empor, daß er auf's Verdeck niederfiel. Jetzt ließen sich auch bereits einzelne, noch in ziemlich großen Pausen kommende Windstöße verspüren; die freien Zwischenräume wurden immer kürzer, die Stöße selbst anhaltender. Endlich war der vollständigste Orcan da. Der Himmel hatte sich schwarz bezogen; es donnerte aus den Wolken; Blitze zuckten, die ganze Natur schien in Aufruhr zu sein. Die Wellen gingen so hoch, daß sie über das Verdeck stürzten und von demselben Manches mit sich in die Tiefe hinabrissen. Dazu kam die Nacht, die das Grausenhafte der Scene noch vermehrte.

Der Capitain war dem Anscheine nach ruhig, aber sehr bleich; ein Beben seiner Stimme, so oft er einen Befehl ertheilte, verrieth, daß er seine innere Furcht nur bemeisterte, vielleicht, um die Mannschaft nicht zu erschrecken: war diese doch ohnehin, trotz ihres Muthes, schon erschrocken genug, indem sich kaum einer erinnerte, je einen solchen Orkan erlebt zu haben.

Die ältesten und verwegensten Matrosen, Männer, denen sonst immer, nach der schlechten Gewohnheit der Soldaten und Seeleute, Flüche auf den Lippen schwebten, ließen alle Augenblicke ein: »Gott steh' uns bei!« oder: »Gott sei uns armen Menschen gnädig!« hören. Man vernahm weder mehr ein fröhliches Singen noch Pfeifen am Bord; Alles verrichtete seine Arbeit still; nur die Stimme des Capitains wurde von Zeit zu Zeit, Befehle ertheilend, gehört; oft übertobte der Sturm sie.

Die Gewalt desselben nahm mit jedem Augenblick zu, und obgleich die meisten Segel eingerefft waren, wurde das Schiff doch pfeilschnell vorwärts getrieben. Der Steuermann vermochte das Steuer nicht mehr zu regieren, sondern mußte das Schiff dem Winde und den Wellen fast gänzlich überlassen. Menschenmacht und Menschenhülfe vermochte nichts mehr: man mußte sich in Gottes Hand geben und glaubte dem Ende seiner Tage nahe zu sein.