»Ja! Ja!« fuhr der Capitain nach einer ziemlich langen Pause fort; »ja, nun kömmt's! Ich wollte in meinem wüsten Leben immer nicht daran glauben, daß eine Stunde kommen würde, wo ich mit Abscheu auf mich selbst, mit Zittern in die Zukunft blicken würde, und nun ist sie doch da! und nun greift die Furcht vor dem unbestechbaren Richter da oben, vor den Strafen, die mich Jenseits erwarten, nach meinem Herzen und ich zittere wie ein armer Sünder, den man zum Hochgerichte führt. – Ich verspottete früher das Alles – ich glaubte weder an Gott, noch an Tugend! ich sprach der letztern Hohn und fröhnte unbedachtsam meinen wilden Trieben; ich spottete über die, die es anders, besser machten, und nun ist die Hölle in meinem Herzen, und nun, wo ich nichts mehr gut machen, mich nicht mehr bessern, reinigen kann, nun muß ich verzweifeln!« Er verzerrte bei den letztern Worten so grausam die Mienen seines Gesichts, daß William, der in Thränen zerfließend neben ihm kniete, entsetzt aufsprang und gern weit, weit weg geflohen wäre.

Der Sterbende wurde jetzt still und William trat ihm schüchtern wieder näher. Mit andächtig gefalteten Händen stand er neben dem Verzweifelnden und schickte heiße Gebete für sein Seelenheil zum Himmel empor.

Nach einer ziemlich langen Pause rief der Capitain, indem er die Augen weit aufriß und William damit anstarrte.

»Wo bist Du? Ich sehe Dich ja nicht mehr? Hast auch Du mich verlassen, und willst mir in meiner Sterbestunde nicht beistehen?«

»Ich bin hier, Herr Capitain,« antwortete ihm William schluchzend; »ich habe Sie nicht verlassen und werde nicht von Ihnen weichen. O könnte ich doch mit meinem armen Leben das Ihrige retten!« fügte er mit dem Tone der Wahrheit hinzu.

»Guter Knabe!« erwiederte ihm der Sterbende mit einer Stimme, die vor Rührung brach; »guter Knabe, ich habe so viele Liebe und Treue nicht von Dir verdient. Ich handelte auch gegen Dich schlecht – ich war hart, war grausam gegen Dich; das kleinste Versehen brachte mich in Zorn und zog Dir Strafe zu – O!«

»Nein!« rief William, indem er mit seiner heißen Hand nach der bereits erkaltenden des Capitains griff, »nein, Herr Capitain, Sie sind so hart nicht gegen mich gewesen, wie Sie selbst sich jetzt anklagen! Erinnern Sie sich noch, wie Sie mir eins von Ihren Hemden gaben, als Sie entdeckten, daß ich nur das einzige habe, was ich auf dem Leibe hatte? O, das war eine große Wohlthat, die Sie mir erwiesen, und so lange ich lebe, werde ich derselben dankbar gedenken.«

»Das ist ein kleiner Trost,« versetzte der Sterbende; »ich war also doch nicht allzu hart auch gegen Dich? Ich hinterlasse doch ein Herz, das nicht in Haß gegen mich schlägt, sondern mir vielmehr dankbare Gefühle weiht? O, wie süß muß es sein, sich in der Sterbestunde sagen zu können: ich that so viel Gutes, als ich vermochte; ich entpreßte keinem Auge Schmerzens-, vielen aber Freudenthränen; ich freute mich mit den Glücklichen, weinte mit den Kummervollen; ich handelte nach dem Gebot des Evangeliums und war ein guter Christ und Mensch! – Könnte ich nur noch einmal von vorne anfangen, wie ganz anders sollte es werden, welch ein gottgefälliges Leben wollte ich führen!« fügte er nach einer langen Pause hinzu. »Aber nun ist es aus – das Ziel, von dem es keine Umkehr mehr gibt, ist erreicht – ich muß vor meinen Richter da oben treten und die Handlungen meines Lebens verantworten! O!« – –

Seine Stimme brach und Thränen schossen ihm aus den Augen hervor, in denen die Sehkraft bereits erloschen war. Ein Mitleid, wie William es in seinem Leben noch nicht empfunden hatte, ergriff sein Herz; er erfaßte die bereits gänzlich erstarrte Hand des Sterbenden und sagte schluchzend:

»Bedenken Sie, lieber Herr Capitain, daß unsere heilige Religion unsern Gott nicht blos einen gerechten, sondern auch gnädigen Gott nennt und sagt, daß der bereuende Sünder Gnade vor seinen Augen finden werde. Vertrauen Sie diesen tröstenden Worten und sterben Sie in Frieden.«