Zehntes Kapitel.

Der Capitain lag noch, als er bei demselben anlangte, ganz in der Stellung, in der er ihn verlassen hatte. Sein Gesicht war aber wachsbleich geworden und seine leichtgekrümmten, über der Brust liegenden Finger hatten dieselbe Farbe angenommen. Einen höchst widerwärtigen Eindruck machte es auf ihn, daß eine Menge geflügelter Insekten seinen armen Freund umflogen und sich mit Gier auf die verwundeten Stellen seines Kopfs und Gesichts niederließen, von denen sie das Blut zu saugen schienen. Er verjagte sie mit einem breiten und langen Blatte des Farrenkraut-Baumes, das er vom Dache der Hütte abgenommen hatte; allein sie ließen sich nicht vertreiben und kamen immer und immer wieder. Der Capitain aber ließ alles mit sich geschehen, und rührte kein Glied, zuckte nicht einmal mit den Augenwimpern.

»Ach!« sagte jetzt William, nachdem er ihn lange mit Aufmerksamkeit betrachtet hatte, mit schmerzlich bewegter Stimme: »ich glaube, er ist todt!«

Um sich zu überzeugen, ob er es sei, knieete er neben ihm nieder und faßte nach seiner Hand; sie war eiskalt und steif; die Arme und Finger hatten ihre Beweglichkeit verloren; die Brust hob sich nicht mehr wie beim Athmen; die Augen waren fest geschlossen und der Mund stand etwas offen.

»Ja, er hat ausgelitten, er ist todt!« rief jetzt William, dem ein Strom von Thränen über die Wangen schoß; »er ist wirklich todt und ich bin jetzt ganz allein auf der großen, weiten Erde!«

Der Gedanke hatte etwas so Entsetzliches für ihn, daß seine Thränen heißer strömten und er in laute Klagen ausbrach. Niemand trocknete diese Thränen von seinen Wangen; keine menschliche Stimme redete Worte des Trostes zu ihm: er war allein, verlassen von aller Welt; Keiner theilte seinen Schmerz, Keiner würde sich seiner Freude freuen.

Zum ersten Male im Leben begriff er, welche Wohlthat Gott uns Menschen schon allein dadurch erzeigt hat, daß er uns in der Gesellschaft Anderer aufwachsen läßt; daß er uns Eltern, Geschwister, Genossen gab. Er hatte daran nie zuvor gedacht und, wenn gleich Gott für sehr viel Gutes, doch dafür niemals aus der Fülle der Seele gedankt.

Der Anblick der Leiche erfüllte ihn endlich mit einem Gefühle von Grauen, über das er nicht Herr zu werden vermochte. Aber wohin mit ihm? wie ihn, da er kein anderes Geräth, als sein Taschenmesser besaß, ein Grab bereiten? Sie unbestattet am Strande liegen, sie die Beute habsüchtiger Insekten werden zu lassen, dagegen sträubte sich sein Gefühl. Er konnte freilich von dannen, tiefer in das Land hineingehen und für die Folgezeit diesen traurigen Ort vermeiden; allein das würde ihn nicht beruhigt haben; er mußte, um sich zufrieden geben zu können, die Leiche dem heiligen Schooße der Erde anvertrauen, damit sie, wie es in der Schrift heißt, wieder zur Erde würde.

Bald hatte sein erfinderischer Geist ein Hülfsmittel ersonnen. Es bedurfte jetzt, da sein armer Genosse todt war, keiner Hütte zu seinem Schutze mehr; er riß also einen der stärkern Stäbe, die das Laubdach stützten, aus dem Boden und bediente sich seiner statt einer Schaufel. Die Arbeit war, besonders bei dem heißen Sonnenbrande – denn es war in Australien Sommer, während in Europa noch Schnee und Eis zu sehen war – sehr mühsam und ging nur langsam von statten, da der Stecken eine Schaufel oder ein Grabscheit nur sehr unvollkommen ersetzte, allein seine Ausdauer überwand alle Schwierigkeiten und der überaus lockere, so nahe am Meere sandige Boden unterstützte ihn bei der Arbeit, so daß gegen Abend ein Loch bereitet war, in das er den Körper des Verstorbenen zu senken vermochte. Er bedeckte diesen dann nothdürftig mit der ausgeworfenen Erde und zum Ueberflusse auch noch mit den Stäben und Blättern, die seither zur Hütte gedient hatten.

Als das Grab fertig und diese heilige Pflicht von ihm erfüllt war, machte er, zur Bezeichnung der Stätte, wo die irdischen Uebereste des Capitains ruhten, aus zwei kreuzweis zusammengebundenen Stäben ein Kreuz und pflanzte es neben dem Grabe in den Boden.