Seine Kräfte waren völlig erschöpft, als er mit dieser mühsamen Arbeit endlich fertig war. Zwar hatte er sich dadurch zu stärken und den Hunger vom Leibe zu halten gesucht, daß er von Zeit zu Zeit ein Stück von dem mitgenommenen Gummi in den Mund nahm und dazu einen Schluck Wasser trank; allein dieses leichte Nahrungsmittel reichte für die Länge nicht aus, besonders bei so schwerer Arbeit nicht, und sein Magen zeigte ein dringendes Verlangen nach einer nahrhafteren, festeren Speiße. Woher sie aber nehmen? wo sie aufsuchen? Das wußte er sich nicht zu sagen und wünschte sich jetzt den ledernen Riemen der Kaffern, von dem er am Vorgebirge der guten Hoffnung erzählen gehört hatte, um sich den bellenden Magen damit zusammen zu schnüren. Er verzweifelte zwar nicht daran, daß er noch so glücklich sein würde, eine consistentere Nahrung, und wenn es auch nur eine eßbare Wurzel wäre, zu finden; allein seine gänzlich erschöpften Kräfte und die wenige Zeit, die ihm noch bis zum völligen Anbruche der Nacht übrig blieb, reichten nicht dazu aus, sie zu suchen: hatte er doch kaum noch so viele Kraft, den Ort, wo die Leiche ruhte, zu verlassen und den Platz unter den Akazien zu erreichen, wo er die Nacht zuzubringen beschlossen hatte.

Der Boden war hier hart, da, wie schon gesagt, das ziemlich hohe Gras nicht wie bei uns dicht neben einander, sondern in einzelnen Büscheln stand; auch bedeckten weiche Moose den Boden nicht, wie in Europa an schattigen Orten; denn bis jetzt hat man, so viel mir bekannt, noch keine Moose in Australien entdeckt; aber trotz dem verfiel unser Freund bald in einen tiefen Schlaf; denn dem Müden ist leicht gebettet und hätte der Hunger und die auf sein Gesicht fallenden Sonnenstrahlen ihn nicht früh geweckt, so würde er wohl bis zum hellen Mittage auf seinem harten Lager geschlafen haben.

Sein erstes Geschäft nach dem Erwachen war, Gott für den ihm in der Nacht gewährten Schutz und guten Schlaf zu danken. So hatte seine Mutter es ihn gelehrt, und obgleich er jetzt durch mehrere tausend Meilen von ihr getrennt war, so behielt er diesen frommen Gebrauch doch bei. Nachdem er gebetet hatte, ging er zur Quelle, erfrischte sich durch einen Trunk daraus und wusch sich dann Gesicht und Hände in der krystallhellen Fluth. Ihm war so wohl und leicht dadurch geworden, daß er aller schweren Sorgen sich entschlug und seinem Vater im Himmel gänzlich vertraute.

Der Morgen war so schön, wie man sich ihn nur denken kann. Die Sonne stand an einem hohen, tiefblauen, völlig wolkenlosen Himmel; die Erde war mit köstlichem Grün und einer Menge noch nie zuvor gesehener Blumen bedeckt; die durch die Nachtluft erfrischten Bäume hauchten einen winzigen Duft aus und bunte Vögel schüttelten ihr Gefieder in den Zweigen derselben, indem sie zugleich ihr Morgenlied zum Lobe des Schöpfers aller Dinge erschallen ließen.

William hatte, da ihn nichts an den Platz unter den Akazien fesselte, seine Wanderung wieder angetreten und ging, in der Hoffnung, irgend etwas Eßbares zu finden, tiefer ins Land hinein; konnte es ihm doch gleichviel sein, wohin er wanderte.

Auf dieser Wanderung fiel es ihm nicht wenig auf, daß er die Stämme mehrerer ihm unbekannten Bäume völlig von ihrer Rinde entblößt erblickte. Diese lag, wie von der Hand eines Baumschänders abgeschält, unter den Bäumen. Noch auffallender aber war es ihm, daß trotz dem die Krone der Bäume so frisch und grün war, als wäre dem Stamme nichts geschehen. Er wußte, daß bei uns Bäume absterben, deren Stamm man frevelhafter Weise abgeschält hat, und staunte so nicht wenig, hier das Gegentheil zu finden. Unser Freund wußte damals noch nicht – in der Folge erfuhr er es durch angestellte Beobachtungen – daß in Australien die meisten Bäume gegen den dortigen Frühling, der um die Zeit unseres Herbstes fällt, die Rinde von selbst abstreifen, sich also gleichsam wie unsere Krebse und Schlangen häuten, und daß unter der alten, abgestorbenen Rinde schon eine neue, zarte, dem Auge kaum bemerkbare sitzt.

Indem seine Blicke nun überall sorgfältig umher spähten, um wo möglich ein Nahrungsmittel zu entdecken, fiel ihm ein anderer Baum auf, dessen Wuchs dem unserer Kirsche glich und der bei ganz ähnlichen Blättern auch eine ähnliche, hochrothe Frucht trug, nur mit dem Unterschiede, daß der Kern, oder wie wir die holzige Hülle des Kerns nennen, der Stein, statt im Innern der Frucht, an der Seite nach außen saß. Dies fiel ihm so auf, daß er lange in Betrachtung dieser wunderbaren Erscheinung stehen blieb. Endlich wagte er es, auf die Gefahr hin, vielleicht eine giftige Frucht zu genießen, denn das war leicht möglich, da er sie nicht kannte, eine Handvoll davon zu pflücken und sie zu verzehren. Sie hatte allerdings im Geschmacke einige Aehnlichkeit mit unserer Kirsche, allein sie war herber und nicht eben angenehm: trotz dem erfrischte sie ihn und da er, nachdem er einige Zeit unter dem Baume ausgeruht hatte, keine üble Wirkung davon verspürte, wagte er es, sich völlig satt an diesen Kirschen zu essen. Der Baum war allerdings die australische Kirsche.

Als er, etwas gestärkt durch die festere Nahrung, seine Wanderung weiter fortsetzte, nahm er wahr, daß die Stämme vieler Bäume, namentlich ältere, völlig hohl waren. Man findet zwar auch in andern Welttheilen hohle Bäume, aber deren lange nicht so viele, als er hier fand. Diese Erscheinung rührte, wie er späterhin wahrnahm, von zwei Arten in Australien häufig vorkommenden Ameisen, den weißen und den schwarzen, her. Die weißen werfen sich zuerst auf einen solchen Baum, den sie sich zum Sitze ausersehen haben, und bohren ihn von unten bis oben voll Löcher, so daß er fast zum Siebe wird. Haben Sie ihre Brut gemacht, so folgen ihnen die schwarzen nach, die die von ihnen gemachten Löcher wieder so genau mit Erde ausfüllen, daß kein einziges leer bleibt. Aber die so durchbohrten Theile des Stammes sterben mit der Zeit ab und dies macht, daß man in Australien so viele hohle Bäume findet. Noch auffallender dürfte es für Euch, meine Theuren, sein, daß Reisende uns die Mittheilung machten, daß eine Menge Bäume in Australien ein unverbrennliches Holz liefern. Dies soll daher rühren, daß das Holz sehr viele Alauntheile enthält, die dem Verbrennungsprozesse bekanntlich hinderlich sind. Man benutzt diese unverbrennlichen Bäume daher gern zum Zimmerholze, indem sie dem Brande eben so gut widerstehen, als Häuser es thun würden, die ganz von Stein aufgeführt wären.

Auch Mannabäume – der Botaniker nennt sie in der Kunstsprache Eucalyptus mannifera, welchen Namen Ihr Euch merken mögt – fand unser William auf seiner Wanderung; er kannte aber weder ihren Namen, noch wußte er, daß man dieses, in Flocken an den Bäumen hängende Harz in unsern Apotheken als Arzneimittel gebraucht. Ein Glück war es für ihn, daß er dießmal nichts davon genoß, denn es ist ein tüchtiges Abführungsmittel, wie er späterhin gewahr werden sollte, als er sich in einer Anwandlung von Naschhaftigkeit zum Genusse dieses süßlichen Saftes verleiten ließ.

Zu seinem nicht geringen Erstaunen fand unser William hier, wo Alles so ganz anders, als in Europa war, eine gute alte Bekannte, die Nessel nämlich. Als er sie erblickte, glaubte er, doch vielleicht eine andere, nur der äußern Form nach ähnliche Pflanze vor sich zu haben, auch war sie hier viel größer und üppiger; als er sich aber bückte, um sie leise anzurühren, entdeckte er, daß sie ganz dieselbe Eigenschaft besitze, wie die europäische: er verbrannte sich nämlich recht derb die Hand, an der gleich eine Menge von Pusteln aufliefen, die heftig juckten. Hätte er die Nessel nur recht derbe angegriffen, so würde das nicht geschehen sein, denn dann würden die feinen Härchen, womit Blatt und Stengel dieser Pflanze übersät sind und die durch ihr Eindringen in die Haut eben die Pusteln und das lästige Jucken hervorbringen, von seinen Fingern niedergedrückt worden und hätten ihm nicht schaden können. Den Versuch könnt Ihr jederzeit in unsern Gärten und Feldern machen.