Da das Jucken von der unvorsichtig berührten Nessel fast unerträglich war und William sich erinnerte, daß man es durch Eintauchen in kaltes Wasser lindern könne, sah er sich nach seiner lieben Quelle um: wo aber war die jetzt? Vergebens durchsuchte er die Stellen, wo das Gras etwas dichter, als an den übrigen stand; vergebens durchstreifte er, trotz seiner Müdigkeit, noch eine große Strecke: die Quelle war wie verschwunden und er entdeckte auch keine andere, wenigstens für den Augenblick nicht.
Das war denn sehr traurig für unsern armen jungen Freund. Wenn er das lästige Jucken auch geduldig ertragen hätte, so stellte sich doch ein so brennender Durst bei ihm ein, daß er ihn mit den Kirschen, deren er noch einige fand, nicht zu löschen vermochte, um so weniger, da hier diese Frucht weder so angenehm schmeckend, noch saftig war, wie in Europa.
Zu dieser großen Plage gesellte sich bald eine zweite: eine so große Ermüdung, daß seine Beine ihn nicht weiter zu tragen vermochten. Dabei brannten seine Füße wie Feuer, da sie stets auf einem fast glühend heißen Boden fortgewandelt waren. Zwar war dieser, wie schon gesagt, mit Gras bedeckt; allein es stand in einzelnen Büscheln ziemlich weit auseinander und ließ große freie Zwischenräume, auf die William treten mußte, wenn er nicht alle Augenblicke über die sehr hohen Grasbulte stolpern wollte. Die Ursache, weßhalb das Gras in Australien, trotz der so außerordentlichen Fruchtbarkeit des Bodens, nur in einzelnen Büscheln steht, ist die, daß es hier nur sehr wenige Arten von Futterkräutern gibt, während ein Naturforscher, Sainclair, auf einen Quadratfuß Wiesenland in England zwei und zwanzig Arten davon entdeckte. Diese große Verschiedenheit der Gräser bewirkt, daß der Rasen in unserm Welttheile so dicht und schön ist; denn jedes dieser Kräuter zieht andere Nahrungsstoffe aus der Erde an sich, folglich können sie sehr gut neben einander bestehen, ohne sich in Hinsicht der Nahrung zu beeinträchtigen. Ich will Euch, meine Geliebten, dies durch ein Beispiel zu erläutern suchen. Gesetzt, man sperrte zwei oder drei verschiedenartige Vögel in einem Käfige ein und gäbe ihnen verschiedenartiges Futter in hinlänglicher Menge, so würden sie recht gut neben einander bestehen und sich lange ernähren können, wenn der eine Vogel diese, der andere jene Körner zu seiner Nahrung erwählte; würden aber alle nur die eine Sorte von Körnern fressen wollen, so würde der Vorrath bald aufgezehrt sein und Mangel für alle entstehen. Aus eben dem Grunde gedeiht der nur mit sehr wenigen Grasarten bedeckte australische Rasen nicht so gut wie der unsrige.
Nachdem William noch über eine Stunde gelaufen war, um seine geliebte Quelle oder auch eine andere wieder zu finden, wollten seine Kräfte zum fernem Umherlaufen nicht mehr ausreichen und er sank in tödtlicher Ermattung unter einem großen Baume nieder, der ihm wenigstens einigen Schatten gewährte. Die Plage, welche der brennende Durst ihm verursachte, war so groß, daß er sich zuerst von seinem bisherigen Muthe verlassen fühlte und sich hinsetzte und bitterlich zu weinen anfing. Was sollte auch in der That aus ihm werden, wenn er kein Wasser mehr fände, um seinen brennenden Durst zu löschen.
Da aber nichts so leicht müde macht, als das Weinen, und er überdies durch das lange Umherstreifen in der brennenden Sonnenhitze völlig ermattet war, fiel er bald in einen tiefen Schlaf und vergaß, wenigstens auf einige Zeit, seine Leiden.
O, welche Wohlthaten der Natur oder vielmehr der Gottheit sind Wasser und Schlaf, und wie Wenige danken doch ihrem himmlischen Vater für beide großen Gaben! Nur der Verschmachtende, der plötzlich eine frisch sprudelnde Quelle, der Kranke, welcher nach langem, den letzten Rest seiner Kräfte verzehrendem Wachen endlich einen erquickenden Schlaf findet, nur sie werden vielleicht die Pflicht des Dankes gegen den Schöpfer aller Dinge erfüllen.
Elftes Kapitel.
William würde, trotz des ihn quälenden Durstes, vielleicht noch länger geschlafen haben, wenn die Berührung eines eiskalten Gegenstandes, der über seine am Boden ruhende Hand hinkroch, ihn nicht geweckt hätte. Diese Berührung weckte ihn auf und er zog die Hand, welche sie erlitten hatte, eilig an sich. In demselben Augenblick schoß eine wohl 12 bis 14 Fuß lange Schlange mit der größesten Schnelligkeit und wie erschreckt durch seine rasche Bewegung durch die hohen Grasbüschel fort. Sein Schrecken bei diesem Anblicke war, wie Ihr Euch vorstellen könnt, nicht gering, denn er wußte, daß es viele giftige Schlangen gibt und fürchtete sich so mit Recht vor der Nähe dieser Thiere. Seine Furcht war dießmal vergeblich gewesen, wie er späterhin erfahren sollte. Die Schlange, welche über seine Hand gekrochen war, war die Diamant-Schlange, die einzige nicht giftige dieser Gegend, weßhalb sie auch von den Eingeborenen als ein Leckerbissen verzehrt wird. Ihr möchtet wohl nicht darauf zu Gaste gehen? – Ich auch nicht.
Die Furcht, eine Beute dieses häßlichen Reptils zu werden, trieb William nicht nur vom Boden empor, sondern sogar zur eiligen Flucht: konnten doch noch mehrere dieser Thiere an dem Orte sein. Da der Schlaf ihn gestärkt hatte, eilte er rasch von dannen; nach welcher Richtung? das wußte er selbst nicht; auch konnte es ihm ja so ziemlich gleichgültig sein, da er nun aufs Geradewohl fortlaufen mußte, ohne ein bestimmtes Ziel zu haben. Ihm war nur darum zu thun, so weit als möglich aus dem Bereiche der häßlichen Schlangen zu kommen, vor denen er, ihrer giftigen Eigenschaften wegen, eine große Furcht hatte. Diese war in der That so groß, daß er fast seines Durstes darüber vergaß und erst wieder daran erinnert wurde, als plötzlich ein Rauschen, wie von herabfallendem Wasser, an sein Ohr drang.
Er stand still, um zu lauschen; dann rief er plötzlich mit dem Tone des höchsten Entzückens aus: