»Ja! das ist Wasser!«

Vor ihm lag ein mäßiger Hügel und obgleich, in der Ebene geboren, des Bergsteigens nicht gewohnt, klomm er ihn so schnell hinan, als wäre er ein Kind der Alpen. Auf der Spitze des Hügels angelangt, zeigte sich seinen Blicken ein entzückendes Schauspiel. Zwischen einer Reihe mäßiger Hügel lag ein schönes, mit dem lieblichsten Grün bekleidetes, den herrlichsten, nie zuvor gesehenen Blumen besä'tes Thal, durch das sich ein silberheller Bach murmelnd hinwand. Dieser stürzte sich von der Spitze des Hügels, auf dem er stand, in das schöne Thal hinab und bildete, indem er von Zeit zu Zeit über hervorspringende Felsstücke hinrauschte, die anmuthigsten Wasserfälle, von denen ein schneeweißer Schaum emporspritzte; unten am Fuße des Hügels aber angelangt, wurde das Wasser hell wie Bergkrystall, so daß sich der tiefblaue Himmel darin abspiegelte.

Ein Freudenruf, nur von Gott und der schweigenden Natur gehört, entfuhr bei diesem entzückenden Anblick den Lippen unsers jungen Freundes. Er glaubte das Paradies vor sich zu haben, denn etwas so Reizendes, wie dieses Thal, hatte er in seinem Leben noch nicht gesehen. Wie ein Vogel flog er den Hügel hinunter, zu dem schönen Bache hin, legte sich an denselben nieder und schöpfte seine erquickliche Fluth mit der Hand; er ließ sich in seiner Freude und seinem großen Durste nicht erst die Zeit, sein ledernes Trinkgefäß hervorzuziehen, um Wasser darin zu schöpfen, sondern bediente sich lieber des jedem Menschen angebornen Schöpfgefäßes, der hohlen Hand, um zu trinken. Als er seinen Durst gelöscht und somit das erste dringendste Bedürfniß befriedigt hatte, dachte er schon an Luxus, denn so machen es die Menschen in allen Verhältnissen des Lebens. Schnell warf er seine Kleider ab und stand mit einem Sprung mitten im Bache. Welche Erquickung, als die kühle Fluth seine heißen Glieder berührte; aber zugleich auch welche Unvorsichtigkeit, so erhitzt ins Wasser zu springen. Die Folgen davon sollte er nur zu bald empfinden.

Zuerst hatte er nichts als Wohlbehagen und Erquickung davon; allein der hinkende Bote kam nach. Als er sich gehörig erfrischt und längere Zeit im Wasser geplätschert hatte, verließ er den Bach endlich wieder und fühlte sich so leicht und frisch, als wäre er neugeboren. Eines Handtuchs, um sich abzutrocknen, bedurfte er unter diesem Himmelsstriche nicht: die liebe Sonne verrichtete dieses Geschäft in wenigen Minuten, so daß er seine Kleider gleich wieder anziehen konnte. Vielleicht wäre selbst jetzt noch Alles gut gegangen, wenn er sich auf die heftige und plötzliche Abkühlung im Wasser gleich wieder in starke Bewegung, wo möglich in Schweiß gesetzt hätte. Daran dachte aber unser Unbesonnener nicht, sondern er legte sich, etwas ermüdet durch das genommene Bad, neben dem Stamme eines sehr großen und schönen Gummi-Baumes nieder, dessen breite und blätterreiche Krone ihm einen vollkommenen Schutz gegen die Strahlen der Sonne gewährten.

Er schlief nicht, denn er war nur etwas ermüdet und fühlte das Bedürfniß des Schlafes nicht, sondern er ruhte nur und schaute mit aufmerksamem Auge um sich, schon aus Furcht vor den Schlangen, mit denen er keine Gemeinschaft pflegen mochte. Zu seiner nicht geringen Verwunderung sah er zwischen dem Grase Frösche umherhüpfen, die eine schöne, dunkelgrüne Farbe, hellgelbe Streifen über den Rücken und viele schwarzen Punkte hatten. Da Niemand sie in dieser Wildniß störte und verfolgte, thaten sie nicht im geringsten schüchtern, sondern krochen zutraulich heran oder hüpften dicht neben ihm im Grase.

Noch eine andere alte Bekannte, die Eidechse, traf er hier an; sie schlüpfte aus einem kleinen Loche in der Erde hervor und sah ihn mit ihren klugen, glänzenden Augen so verständig an, als wolle sie eine Conversation mit ihm anknüpfen. Wie zudringlich und wenig scheu diese Thiere, sowie auch die Frösche waren, sollte er in der Folge in Erfahrung bringen, da sie sich in Menge in seiner Wohnung einfanden und so bekannt mit ihm thaten, als wären sie eingeladene liebe Gäste. Sie schliefen oft bei ihm auf seinem Graslager, thaten ihm aber nie etwas, so daß er ganz vertraut mit ihnen wurde und sie nicht selten mit gefangenen Fliegen und andern geflügelten Insekten fütterte, die, wie er aus der Naturgeschichte wußte, ihre Lieblingsspeise waren. Er sah sie auch auf die Bäume klettern; allein zu ihrem Verderben; denn hier lauerten einige Raubvögel ihnen auf und verzehrten sie, ohne viele Complimente zu machen.

Nachdem William allerlei Beobachtungen und Betrachtungen angestellt hatte, erhob er sich wieder, um weiter zu wandern; denn kaum war das eine Bedürfniß befriedigt, so meldete sich schon ein anderes, der Hunger.

Indem er so durch das reizende Thal hinstreifte, kam er zu einer Stelle, wo das hohe Gras sichtbar niedergebrannt war, und als er etwas weiter ging, zeigte sich ein Haufen Asche, um den einige Knochen umherlagen, seinen nicht wenig überraschten Blicken; sogar einige halbverbrannte Holzstücke lagen umher. Hier hatten also Menschen gehaus't; – welche Entdeckung!

Vor Erstaunen wurzelte sein Fuß am Boden. Er bückte sich, um die Asche zu befühlen und überzeugte sich auch durch das Gefühl, daß sein Auge ihn nicht getäuscht habe. Hier waren demnach – wie hätte er noch länger daran zweifeln können? – Menschen gewesen und hatten sich aller Wahrscheinlichkeit nach Speise bereitet; denn wozu sonst Feuer anzünden? Es waren vielleicht gar welche ganz in der Nähe, etwa hinter den Hügeln, die das Thal einschlossen? Welcher Art aber waren sie? und hatte er das Begegnen nicht viel mehr zu fürchten, als zu wünschen? Hatte er doch von Menschenfressern unter den Wilden gehört? Er wußte nicht, ob er sich über eine solche Nähe freuen oder betrüben sollte.

Eine andere Entdeckung, die er machte, erfüllte ihn indeß mit der reinsten Freude. Er sah an einer Stelle eine Pflanze aus dem Boden hervorgewachsen, deren Kraut einige Aehnlichkeit mit dem unserer Kartoffel hatte, nur daß der Stamm höher und dicker und die Blätter etwas anders geformt waren. Um sich zu überzeugen, ob er sich nicht in seiner Voraussetzung geirrt habe, grub er mit seinem Taschenmesser ein Loch in die Erde und wühlte bald eine längliche, ziemlich große Knolle daraus hervor. Der Zufall hatte ihn die wilde Patate, die unsern Kartoffeln sehr ähnlich ist, entdecken lassen. Wie glücklich würde ihn dieser Fund gemacht haben, wenn er zugleich Feuer gehabt hätte, um sie zu braten; das aber fehlte ihm, und wie sich welches verschaffen?