Die Noth indessen ist die Mutter der Erfindungen. William hatte noch nicht lange nachgesonnen, so glaubte er es schon zu haben. Er dachte an sein ziemlich großes, starkes, vom besten Stahl gemachtes Taschenmesser, dessen Rücken gar füglich die Stelle eines Feuerstahls vertreten konnte. Es kam also nur noch darauf an, einen Feuerstein und etwas Zunder zu finden, denn um Holz durfte er nicht verlegen sein und nur zu der Brandstätte zurückkehren, um es zu finden; auch für Zunder trug er keine Sorge: ein Eckchen von seinem dünnen baumwollenen Taschentuche konnte gar füglich die Stelle desselben vertreten.
Der Stein aber machte ihm Sorge und so emsig er auch suchte, so konnte er doch keinen entdecken, der dem Kieselsteine nur entfernt ähnlich gewesen wäre. Endlich, als er bereits die Hoffnung aufgeben wollte, das Gewünschte zu finden, fiel ihm ein, daß er beim Baden in dem Bache auf Steinchen getreten war und sich an einem derselben den Fuß leicht geritzt hatte: das konnte möglicherweise ein Kieselstein gewesen sein, und er glaubte dies um so eher, als er von Europa her wußte, daß die Bäche gern ein Bett von Kieseln habe.
Er eilte also mit schnellen Schritten zu seinem geliebten Bache zurück, zog Schuhe und Strümpfe aus und watete mit bloßen Füßen mitten in denselben hinein. Es dauerte auch nicht lange, so fühlte er seine Fußsohlen wieder von einem etwas scharfen Gegenstande berührt; er bückte sich, langte auf den Grund des Baches nieder und brachte mit der Hand eine Menge Steine herauf, worunter sich ein prächtiger Kieselstein befand, der fast die Form eines Flintensteines hatte und also zu dem beabsichtigten Zwecke vollkommen dienen konnte.
Wer war froher als er! Er trocknete den Stein, ging damit zu der Brandstelle, sammelte die angebrannten Holzstückchen zusammen, raufte einige Hände voll gänzlich vertrockneten Grases aus, sammelte ein Häufchen von der abgefallenen Baumrinde, die so trocken wie Stroh war, und riß, als er dieses Alles vorbereitet hatte, ein Stück von seinem Taschentuche ab, das die Stelle des Zunders vertreten sollte.
Er hatte die Sache sich aber leichter gedacht, als sie in der That war: sein Zunder taugte nichts und wenn auch wirklich ein Fünkchen auf das baumwollene Zeug fiel und zündete, so verlosch es doch sogleich wieder. Eine halbe Stunde und länger mühte er sich mit dem Feuerschlagen ab und wollte schon den Gedanken aufgeben, sich Feuer zu verschaffen, als ihm einfiel, das Stückchen Zeug zwischen zwei Steinen gleichsam zu einer Art von Pulver zu zerreiben, was nach seiner Meinung besser zünden würde, als das Läppchen von dem Tuche. Auch diese Arbeit war nicht ohne Mühe und kostete viele Zeit; endlich siegte er aber doch durch Beharrlichkeit über alle Hindernisse und siehe da! der Sieg war sein. Kaum waren ein Paar Fünkchen in den Zunder gefallen, so glimmte das Ganze; er legte schnell erst von dem trockenen Grase darauf und blies es zur Flamme an, dann legte er von der Rinde dazu und endlich die gefundenen angebrannten Holzstückchen, die bald in einer lustigen Flamme emporloderten.
Als er damit zu Stande war, holte er eine gute Hand voll von seinen herrlichen Pataten, wusch sie an der Quelle rein und legte sie an das Feuer, wo sie schnell brieten; ein grüner, sehr biegsamer Baumzweig, den er wie eine Zange zusammenbog, mußte die Stelle der Feuerzange beim Umwenden der Pataten vertreten; mit der Hand konnte er diese nicht anfassen, da sie bereits glühend heiß vom Feuer waren.
Sein Appetit war durch den Anblick der kartoffelartigen Frucht so gestachelt worden, daß er ihn kaum mehr zu zügeln vermochte und wahrscheinlich – er selbst hat nichts davon gesagt – einige davon halbroh verzehrte, welche Gier ihm unter diesen Umständen schon nachzusehen sein durfte, so schlecht eine solche sonst auch für uns Menschen läßt, indem sie uns den Thieren ähnlich macht.
Nie hat wohl dem ärgsten Prasser, dem größesten Leckermaul eine Mahlzeit, mochte sie auch noch so ausgesucht, noch so trefflich bereitet sein, so geschmeckt, wie dieses Gericht Pataten unserm ausgehungerten William mundete. Er hatte weder Butter noch Fett, ja nicht einmal Salz dazu; aber an solche Leckereien dachte der gute Junge gar nicht; überdies hatten die Pataten einen etwas süßlichen, mehr dem Obste ähnlichen Geschmack, als unsere gewöhnlichen Kartoffeln.
Wie schmeckte, nach eingenommenem Mahle, auch ein frischer Trunk aus dem Bache, und wie lustig sangen buntgefiederte Vögel in den Zweigen des Gummi-Baumes, unter dem er sich zur Ruhe niederlegte; wie dufteten Blumen und Kräuter, die ihm zum Lager dienten; O, er wäre vollkommen glücklich gewesen, und hätte kaum noch einen Wunsch übrig gehabt, wenn er seine geliebte Mutter bei sich haben und ihr den Reichthum und die Herrlichkeit dieser Wildniß hätte zeigen können.
Sein erster Gedanke, nachdem er sich unter dem Gummi-Baume zur Ruhe niedergelegt hatte, war ein Gebet an Gott, ein heißes, inniges Dankgebet; sein letzter, bevor er einschlief, der an seine Mutter und die theure Heimath.