Eine empfindliche Kälte erweckte ihn gegen Morgen. Es hatte, wie es in diesen Gegenden der Fall zu sein pflegt, stark gethaut und Gesicht, Haare und Kleidung waren ganz naß davon. Schauder, wie von Fieberfrost, durchströmten sein Gebein; er zitterte vor Kälte und innerem Unbehagen, obgleich es eben nicht kalt, sondern die Luft nur etwas frischer, als gewöhnlich war. Er wollte, trotz dem daß der Tag nur erst zu grauen begann, aufstehen und sich durch Bewegung etwas zu erwärmen suchen; allein es verursachte ihm große Beschwerde, sich vom Boden zu erheben. Seine Glieder wurden steif und so wie er Hand, Fuß oder Nacken bewegte, hatte er den empfindlichsten Schmerz auszustehen.
Trotz dem erhob er sich; allein er wäre bald wieder umgefallen, so schwindelte ihm der Kopf, der obendrein sehr wehe that; auch wurde ihm das Schlucken schwer. Dies waren die traurigen Folgen des kalten Badens nach einer großen Erhitzung. Wenn es nun schon ein großes Ungemach ist, krank zu sein, wenn uns alle erdenkliche Hülfe geleistet, jegliche mögliche Erleichterung verschafft wird, ein wie viel größeres mußte es nicht für unsern William sein, dem Keiner zu Hülfe kommen, den Keiner hegen und pflegen konnte. Trotz dem raffte er sich auf und taumelte eine Strecke fort. Alle Gegenstände drehten sich im Kreise um ihn her; das Sehen fiel ihm schwer; sein Athem war kurz und beengt und Hände und Füße versagten ihm den Dienst; er fühlte sich so krank, wie er noch nie im Leben sich gefühlt hatte, selbst damals nicht, als die Masern bei ihm zum Ausbruche kamen, und er glaubte, daß sein letztes Stündchen gekommen sei, als er in tödtlicher Ermattung und unter den heftigsten Gliederschmerzen in der Nähe des Baches zur Erde sank.
Erst jetzt dachte er über die vermuthliche Ursache einer so plötzlichen Erkrankung nach, und hatte sie bald ausgefunden. Wie oft hatte seine sorgsame Mutter ihn nicht vor plötzlicher Erkältung nach großer Erhitzung gewarnt, und ihm die so leicht schädlichen Folgen einer solchen Erkältung vorgestellt; wie oft hatte sie ihm nicht das Glas vom Munde genommen, wenn er nach einem raschen Gange trinken wollte! Und jetzt hatte er an alle diese wohlgemeinten Warnungen nicht gedacht, sondern war, fast triefend von Schweiß, in das kalte Wasser des Baches gegangen. Mit wie vielen Leiden und Schmerzen mußte der Arme diese Unvorsichtigkeit und ein Gefühl augenblicklichen Wohlbehagens nicht bezahlen!
Bald wechselte der Frost, der seine Glieder geschüttelt hatte, mit einer brennenden Hitze ab. Sein Gesicht, seine Hände, seine Fußsohlen glühten: dabei schmerzte ihn jedes Glied seines Körpers; seine Zunge klebte vor Durst am Gaumen fest; seine Augen waren roth und brannten wie Feuer. Er hatte das größeste Verlangen, aus dem nahen Bache seinen glühenden Durst zu löschen; allein er vermochte nicht aufzustehen, nicht die wenigen Schritte bis zu demselben zu machen.
Seine Lage war in der That die schrecklichste und preßte ihm Wehklagen und Jammern aus. Bedenkt, Kinder, was es sagen will, von aller Welt verlassen, ohne Erquickung, ohne eine Handreichung, ja, ohne liebevollen Zuspruch, so in einer Wüste krank da zu liegen, und schenkt unserm armen Freunde Euer aufrichtiges Bedauern, verargt es ihm auch nicht, daß er wimmerte und weinte. Thut ihr das doch wohl auch einmal in schweren Krankheiten, trotz dem daß Alles liebevoll um Euch bemüht ist und die Kunst Alles aufbietet, Euch Linderung zu verschaffen; ja, klagt und wimmert Ihr vielleicht nicht blos – denn das würde Euch im Uebermaße der Schmerzen schon nachzusehen sein – sondern werdet sogar ungeduldig und gegen Eure Umgebung undankbar und ungerecht! Das Letztere aber ist eine Sünde; jeder Kranke sollte dankbarer sein, als der Gesunde, weil ersterer noch weit mehr Liebe und Sorgfalt bedarf und findet als letzterer.
Unser William konnte aber weder dankbar noch undankbar sein: es nahm sich Keiner seiner an; keine Hand schob ihm ein weiches Kopfkissen unter sein armes, heftig schmerzendes Haupt; keine trocknete ihm die hellen Schweißperlen von der glühenden Stirn; keine reichte ihm den kühlen Trunk, nach dem er schmachtete; er war allein, verlassen von aller Welt und selbst unfähig, irgend Etwas für sich zu thun. Der arme, arme William!
Zwölftes Kapitel.
Trotz der großen Schmerzen, die es ihm verursachte, mußte der Kranke doch aufstehen, um seinen Durst zu löschen, der endlich zu einer unerträglichen Qual für ihn wurde, um so mehr, da er die Rolle des Tantalus zu spielen gezwungen war und ganz in der Nähe des köstlichsten Wassers, das er rieseln und rauschen hörte, vor Durst verschmachten sollte. Er erhob sich also; allein seine Beine versagten ihm den Dienst und er sank mehrere Male um; endlich erreichte er aber doch den Bach und trank nun mit vollen Zügen. Er konnte sich nicht wieder von dem herrlichen erquicklichen Wasser trennen und eingedenk der Mühseligkeiten und Schmerzen, die es ihm gemacht hatte, bis zu demselben zu gelangen, legte er sich ganz in der Nähe des Baches nieder.
Ein Glück war es für ihn, daß er keinen Hunger verspürte, wie man dies bei Kranken in der Regel bemerkt, denn wie hätte er, der kaum seine Hände zu rühren und keine zehn Schritte ohne die entsetzlichsten Schmerzen zu gehen vermochte, sich Nahrungsmittel suchen sollen?
Dieser schreckliche Zustand dauerte volle drei Tage und der arme William glaubte sich dem Tode nahe. Er würde in seiner völlig hülflosen Lage, verlassen von aller Kreatur, völlig haben verzweifeln müssen, wenn er nicht von seiner Mutter zur Frömmigkeit angehalten worden wäre und ein unbegrenztes Vertrauen zu seinem himmlischen Vater gehabt hätte. Dieses Vertrauen und ein inbrünstiges Gebet zu Gott erhielten seinen Muth aufrecht und wurden vielleicht seine Lebensretter; denn wie sehr würde es seinen Zustand verschlimmert haben, wenn er, statt sein Leben und Schicksal in die Hände seines himmlischen Vaters zu legen, sich einer wilden Verzweiflung überlassen hätte.