Seine größte Plage war die Schlaflosigkeit, die theils durch seine großen Schmerzen, theils dadurch herbeigeführt wurde, daß er sich gar keine Bewegung machen konnte. Da war es denn eine gute Sache für ihn, daß er sich zeitig daran gewöhnt hatte, auf Alles Achtung zu geben, was um ihn her vorging, denn sonst würde er die tödtlichste Langeweile gehabt haben. Am Tage schenkte er den ihn umstehenden Gräsern und Blumen, den schöngefärbten Schmetterlingen und Libellen, die ihn umflatterten, den Käfern und Würmchen, die sich auf den Spitzen der Grashalme wiegten, oder am Boden hinkrochen, seine Aufmerksamkeit und jeder Gegenstand gab ihm hinlänglichen Stoff, Betrachtungen anstellen zu können, da Alles hier ganz anders als in Europa war. In der Nacht beschäftigte er sich damit, die Gestirne zu beobachten und mit seinen Blicken ihren Lauf zu verfolgen, sich die Stellung zu bemerken, in der die einzelnen Gestirne gegeneinander standen. Zuweilen gewährte das Flattern oder der Ruf eines Nachtvogels ihm eine angenehme Unterhaltung; selbst das Quacken der Frösche, die am Rande des Baches ihr eintöniges Nachtlied anstimmten, war für sein Ohr jetzt kein unangenehmer Ton, so wenig er früher auch dieser Musik der Sumpf-Nachtigallen Geschmack hatte abgewinnen können: belebte es doch die sonst so schweigsame Natur!

Nachdem unser William drei volle Tage und Nächte so gelegen, ohne irgend Etwas zu sich zu nehmen, als das Wasser, das er aus seinem lieben Bache schöpfte, fing er endlich an, eine leise Anwandlung von Hunger zu verspüren; dies war das erste Zeichen der wiederkehrenden Genesung und er dankte Gott dafür, obgleich er nicht wußte, wie er den erwachenden Appetit stillen solle; war er doch noch zu schwach, um mit seinem Messer sich Pataten aus der Erde graben zu können, und woher hätte er vollends die Kraft nehmen sollen, Feuer anzumachen, um sie zu braten? Er mußte sich also einer neuen Geduldsprobe und Hungerkur unterwerfen, bis er sich wieder etwas stärker fühlen würde. Dieser Mangel an Nahrung – so unglaublich diese Behauptung Euch auch klingen mag – beförderte seine Genesung bedeutend. Ein kranker Körper bedarf in der Regel gar keiner Nahrung, ja sie schadet ihm in den meisten Fällen, und vermöchten alle Kranke es über sich, die strengste Diät zu halten, so würden sie noch einmal so schnell genesen. Zu einer solchen Enthaltsamkeit sah sich aber unser William durch seine Lage gezwungen und erst am fünften Tage, als sein Appetit recht groß geworden war, zwang ihn dieser, den Versuch zum Aufstehen zu machen, und jetzt ging es.

Zwar schwankte er noch wie ein vom Winde hin und her bewegtes Rohr; zwar drehten sich scheinbar alle Gegenstände um ihn her im Kreise, wie es bei großer Schwäche der Fall zu sein pflegt; zwar mußte er sich nach zehn bis zwanzig zurückgelegten Schritten erst niedersetzen, um auszuruhen; allein es ging doch immer besser und besser und in der Zeit von einer Stunde hatte er eine gute Strecke zurückgelegt, indem er immer dem Laufe des Baches folgte.

Ein zwar niedriges, aber dem Anscheine nach dichtes Gebüsch zeigte sich in einiger Entfernung. In der Hoffnung, dort vielleicht irgend etwas Eßbares zu finden, strengte er den letzten Rest seiner Kräfte an, um es zu erreichen. Wie belohnte sich aber diese Anstrengung nicht für unsern armen Hungernden! Als er sich dem Gesträuche bis auf einige wenige Schritte genähert hatte, sah er fast jeden Zweig desselben mit schwellenden, dunkelrothen Beeren bedeckt, die traubenweise daran hingen und auf den ersten Blick von ihm für Himbeeren erkannt wurden. Seine Schwäche gänzlich vergessend, stürzte er auf diese labenden, duftigen Früchte zu und aß eine gute Menge davon. Es war ein Glück für ihn, daß er keine festere Nahrung gefunden hatte, weil er sich mit einer solchen den völlig ausgehungerten Magen gewiß gänzlich verdorben haben würde. Jetzt aber fühlte er sich nach dem Genusse der kühlenden und duftigen Frucht außerordentlich erquickt und so behaglich, wie seit längerer Zeit nicht; ja, er konnte sogar ohne allzugroße Beschwerde zu seiner geliebten Quelle zurück kehren, denn von dieser trennte er sich nur ungern.

Es ging von nun an immer besser; ja er konnte sogar seinen Appetit wieder an den nährenden Pataten stillen, die, nächst dem Wasser, die größeste Wohlthat für ihn waren.

So wie er nun seine ersten Bedürfnisse befriedigt sah, dachte er bereits auf andere. Obgleich der Himmelsstrich, unter dem er sich befand, einer der wärmsten, mildesten der Erde war, so empfand er doch oft, des stark fallenden Thaues wegen, Nachts ein heftiges Frösteln, besonders gegen Morgen, wo die Nachtkühle immer am empfindlichsten ist. Er sah sich also, so wie seine Kräfte es nur erlaubten, nach einem schützenden Obdache um, das aber nicht allzuweit von seinem geliebten Bache entfernt sein durfte.

Er hatte mehrfach gelesen und gehört, daß manche Berge Höhlen enthielten und seine Gedanken waren auf eine solche gerichtet. Er umkreißte also die nächsten Hügel und war bald so glücklich, eine geräumige Höhle zu entdecken. Der Boden derselben war zwar mit Staub und Schmutz, die Seitenwände mit Spinnenweben bedeckt; auch zeigten viele Thierspuren, sowohl von Vögeln als vierfüßigen Thieren, daß die Höhle diesen seither zum Aufenthalte gedient hatte; allein der Unrath konnte leicht beseitigt werden, und dann bot sie ihm einen willkommenen, schützenden Aufenthalt.

Ein Besen war sehr leicht gemacht, indem er eine Handvoll von den ziemlich starken Blättern des Farrenkraut-Baumes vermittelst des zähen und langen Grases zusammenband und in diesen Bündel einen starken Stock steckte, um ihn gehörig handhaben zu können. Er war so ämsig bei der Arbeit und vergaß seine gegenwärtige verlassene Lage so gänzlich, daß er sich mehrere Male auf das Verdeck des Schiffes versetzt glaubte, wo er Arbeiten der Art zu verrichten gehabt hatte und bald mit Diesem, bald mit Jenem der Mannschaft eine Unterhaltung anzuknüpfen im Begriff war. Aber ach! keine Stimme antwortete ihm, kein Auge blickte wohlwollend auf ihn: er war verlassen von aller Welt, gleichsam abgetrennt von aller menschlichen Gesellschaft, und mit einem tiefen Seufzer setzte er bei diesen niederschlagenden Gedanken sein Reinigungsgeschäft fort.

Bald jedoch kehrte, zugleich mit dem unbegrenztesten Vertrauen zu seinem himmlischen Vater, seine ihm angeborene Heiterkeit zurück und mit lauter Stimme sang er demselben ein Dank- und Loblied. Wie angenehm wurde er bei dieser Gelegenheit nicht überrascht, als eine andere Stimme der seinigen gleichsam zu antworten schien. Er stand halb erschrocken, halb erfreut, still und schaute sich nach allen Seiten um; nun aber schwieg die Stimme und ließ sich erst wieder vernehmen, als er sein Lied fortsetzte. Jetzt begriff er, was es war: er hatte das nahe Echo durch seine eigene Stimme geweckt und seine eigenen Laute waren es, die, von einer etwa 60 Schritt von ihm entfernten Felsenwand zurückgeworfen, ihm antworteten. Er lächelte, als er diese Entdeckung machte, und diese Laute in der Einöde, dieser Ton einer menschlichen Stimme, wenn gleich nur seiner eigenen, machten ihm so viele Freude, daß er mehrere Male den geliebten Namen seiner Mutter, so wie der frühern Bekannten, rief, um ihn von dem Echo wiedergegeben zu hören. Daß er keinen menschlichen Laut in dieser ganzen Zeit vernommen, dies hatte ihn besonders in seiner jetzigen Einsamkeit betrübt und so enthob die Entdeckung des Echos ihn eines beklemmenden Gefühls, indem es diese Einöde gleichsam belebte.

Endlich war unser William mit seinem Reinigungs-Geschäfte fertig und jetzt konnte er auf ein weiches, bequemes Lager für die Nacht denken. Auf die Entdeckung eines zu diesem Zwecke besonders sich eignenden Mooses glaubte er verzichten zu müssen, da er auf seiner Wanderung keine Pflanze der Art erblickt hatte; allein das hohe Gras und mehr noch die Blätter des Farrenkraut-Baumes versprachen ihm eine erwünschte Aushülfe. Zwar machte es ihm keine kleine Mühe, mit seinem Taschenmesser so viel Gras abzuschneiden, als er zu einem Lager bedurfte; zwar vergoß er Ströme von Schweiß bei dieser in der brennendsten Sonnenhitze verrichteten Arbeit; aber er ließ doch nicht davon ab: war er doch auf dem Schiffe an eine oft eben so ermüdende Thätigkeit gewöhnt worden. Auch stärkte ihn der Gedanke, wie süß es sich im kühlen Schatten der Höhle, auf dem weichen, duftigen Lager ruhen würde, bei seiner mühevollen Arbeit, und wie schmeckten ihm seine Pataten, wie der Trunk aus kühler Quelle nach derselben.