Er war jedoch so ermüdet, daß er, als er sich mit Anbruch der Nacht zur Ruhe niederlegte, keines Schlummerliedes bedurfte, um einzuschlafen. Wie lange er geschlafen haben mochte, als er sich, noch mitten in der Nacht, und in der größesten Dunkelheit, durch einen rauhen Gegenstand geweckt fühlte, der über sein Gesicht hinstrich, vermochte er nicht zu bestimmen. Er fuhr erschrocken in die Höhe und wußte sich im ersten Augenblick nicht zu besinnen, wo er sich befände, noch weniger aber sich zu sagen, was es gewesen war, das ihn so unerwartet geweckt hatte. Er rieb sich die Augen, als wenn er auch in der ihn umgebenden rabenschwarzen Finsterniß so besser sehen könne, und schaute sich nach allen Seiten mit lautpochendem Herzen um.

Lange sah er nichts; endlich aber erblickte er in einiger Entfernung vor sich zwei glänzende Punkte, die, da sie oft ihre Stelle veränderten, von einem lebenden Geschöpfe herkommen mußten. Dieser Anblick erfüllte ihn mit solcher Angst, daß ihm der Schweiß aus allen Poren seines Körpers hervorbrach und er regungslos nach dem Winkel schaute, wo er die beiden feurigen Punkte erblickte. Bald vernahm er auch ein erst leises, dann immer stärker werdendes Schnurren, wie von einer großen Katze. An eine solche dachte er in seiner Angst nicht, sondern an Löwen und Tiger, die, wie er aus der Naturgeschichte wußte, gleichfalls zum Katzengeschlechte gehörten und, wie er meinte, recht gut Bewohner dieses Landes sein könnten. Sein Wissen reichte nicht so weit, wie ohne Zweifel das eurige, meine geliebten Kinder! Ihr würdet Euch in Australien nicht vor Löwen und Tigern gefürchtet haben, weil Euch gewiß bekannt ist, daß dieser Welttheil keine Thiere der Art besitzt.

Unser William wagte nicht, sich zu bewegen, aus Furcht, die Aufmerksamkeit seines vermeintlichen Feindes und Verschlingers durch das leiseste Geräusch auf sich zu ziehen. Starr waren seine Augen auf die beiden beweglichen leuchtenden Punkte gerichtet und mit immer mehr steigendem Entsetzen erfüllte ihn das Schnurren, das aus demselben Winkel hervorkam. Jeden Augenblick glaubte er die Beute des vermeintlichen Ungeheuers zu werden und seine Angst war so groß, daß er nicht einmal Gott um die Erhaltung seines Lebens zu bitten vermochte.

Unter welchen Empfindungen er den Rest der Nacht verbrachte, vermöcht Ihr Euch nicht vorzustellen. Kein Schlaf kam mehr in seine Augen und um die eben so nöthige als ersehnte Ruhe war es geschehen; ja, er wagte nicht einmal, sich wieder niederzulegen, aus Furcht, daß er durch irgend ein Geräusch die Aufmerksamkeit seines Feindes auf sich ziehen möchte.

Endlich brach der so heiß ersehnte Tag an und zu seiner eigenen Verwunderung lebte er noch. Er sah durch die Oeffnung der Höhle einen schwachen Lichtschimmer dringen, und nicht lange dauerte es, so fiel selbst ein Sonnenstrahl auf den Vordergrund des Einganges. Dieser Anblick, den er nicht mehr zu erleben gehofft hatte, stillte sein Bangen in Etwas und er wagte es jetzt, sich zu erheben, um wo möglich die Höhle zu verlassen und auf irgend einem Baume eine Zuflucht gegen seinen vermeintlichen Feind zu suchen.

So wie er sich aber erhob – o Schrecken! erhob sich dieser auch; allein er sprang nicht auf ihn zu, um ihm seine kralligen Tatzen in den Leib zu schlagen, sondern schlüpfte, schnell und geschmeidig wie ein Aal, zur Höhle hinaus.

»Wer war denn aber dieser böse nächtliche Störenfried?« höre ich Euch neugierig fragen.

»Eine Katze.«

»Eine Katze? Du spaßest mit uns! Wie sollte die dorthin gekommen sein?«

Und doch war es eine Katze, geliebte Kinder; zwar keine gezähmte, wie die, welche wir der Mäuse und Ratten wegen in unsere Wohnungen aufgenommen haben, sondern eine wilde Katze, ähnlich der, die man auch noch in einigen Wäldern Europas antrifft. Sie sind in Australien aber kleiner, als bei uns, braun und schwarz gestreift, lang, dünn und lang geschwänzt; ihre Krallen sind sehr lang und scharf und ihre Schnauze gleicht der eines Ferkels. Sie fallen übrigens nie Menschen und größere Thiere an, sondern begnügen sich mit Vögeln, die sie in ihren Nestern auf den Bäumen im Schlafe überraschen.